Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Religion und Sittlichkeit [Rezension]
- Date
- 1907-06-01
- Page
- 386 (sequence 2)
- Language
- German
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386 Im deutschen Reich. auch der höchstentwickelten Religion ein Ueberrest von Mythos an. Daraus erhellt der Schluß, daß Religion und Sittlichkeit in dieselbe Richtung streben, daß aber die Sittlichkeit ein völliges Loslösen von jedem Mythos verlangt und die Lehre vom Verhältnis des Menschen zum Menschen in völliger Reinheit bietet. Das schließt auch keineswegs die Religion zu gunsten der Sittlichkeit aus. Vielmehr ist sie notwendig, als eine Vorbereitung für das Ideal der systematischen Ethik. — Dieser knappe Gedankenumriß ist mit einer Reihe von Fragen umkleidet, die die einzelnen Punkte vertiefen oder im engsten Zusammenhänge mit dem Gegenstände stehen, aber mit feinster Berechnung gewählt sind, so daß man fast allen Problemen der Religionsphilosophie begegnet und fast immer eine anmutende Antwort findet. Das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum ist hier in aller Schärfe und Prägnanz zum Ausdruck gebracht, und die Reinheit der religiösen Idee im Judentum gegenüber ihrer Trübung im Christentum deutlich gemacht. Folgt man den philosophischen Deduktionen des Verfassers, so scheint alles zur Zustimmung zu zwingen. Gleichwohl sind auch hier Lücken zu entdecken, die manches Urteil über die Religion zu ihrem Nachteil beeinflußt haben. Die Herleitung der Religion aus dem Mythos, der „Angst des Bewußtseins", ist keine so allgemein anerkannte, daß man, ohne sie neu zu beweisen, auf ihr bauen könnte. Der Satz, in dem gesagt wird, daß wir von Gott keine anderen Attribute kennen wollen und dürfen, als die der Sittlichkeit, und mancher andere läßt sich angreifen. Das Ganze aber darf mit ungeteilter Freude erfüllen, weil es ein begeistertes Bekenntnis zum Judentum ist, der Religion, in der wir leben, für die wir kämpfen. Gustav Cohn, Berlin. S. Kaatz. Das Wesen des prophetischen Judentums. Berlin, M. Poppelauer, 1907. 109 Seiten. Das prophetische Judentum will der Verfasser untersuchen auf Grund dessen, was die Propheten selbst für wesentlich und wertvoll hielten. Er macht besonders darauf aufmerksam, daß bei der Bewertung der prophetischen Aussprüche die betreffende Situation immer in Betracht gezogen werden müsse. Propheten-