Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-01-01
- Page
- 41 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316755--15927-2337756- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 4t hohen Wert zu legen". Einen unglückseligeren Verteidiger hätte aber auch die Ostmarkenpolitik der preußischen Regierung kaum finden können. Der Ausruf des Polen Korfanty „Alter schützt vor Torheit nicht!" fand deshalb selbst bei solchen Abgeordneten Widerhall, die sonst der politischen Richtung dieses polnischen Volksvertreters abhold sind. Die holprigen, humoristisch sein sollenden Germanisierungs - Hymnen Liebermanns decken sich jedoch teilweise mit der traurigen Tatsache, daß die Regierung auf die deutschfreundliche Gesinnung vieler Juden in den Ostmarken kaum irgendwelche Rücksicht nimmt, während diese Gesinnung jetzt sogar solche polnischen Kreise judenfeindlich macht, die bisher vom Antisemitismus fast unberührt geblieben waren. Neuerdings hat der in den polnischen Adelskreisen großen Einfluß besitzende Dichter Sienkiewicz in einem öffentlichen Schreiben behauptet, daß die gebildeten Juden in den Ostmarken das polnische Vaterland bekämpfen und dies auch schon früher bei den Kämpfen, die in Polen tobten, getan hätten. Wie weit dies wahr ist, mag dahingestellt bleiben; jedenfalls bringt es die Juden in den Ostmarken in die noch schlimmere Lage, sich nach Zwei Fronten hin, gegen polnische und gegen deutsche Antisemiten, verteidigen Zu müssen. Den parlamentarischen Führern der deutschen Antisemiten ist bald nach der Eröffnung des Reichstags das Mißgeschick widerfahren, daß einer ihrer Lieblinge, der deutsch-soziale Abg. Fr. Raab, sich gedrungen fühlte, auf sein Mandat Zu verzichten. Die Wahlprüfungskommission des Reichstags halte einstimmig seine Wahl für ungültig erklärt, weil nachträglich festgestellt worden ist, daß der sozialdemokratische Gegenkandidat Hugo durch Armenunterstützung die Wählbarkeit verloren hatte. Der Hamburger Antisemit Fr. Raab denkr, das vielumstrittene Mandat für Eschwege-Schmalkalden-Witzenhausen aufs neue zu erkämpfen. Hoffentlich wird ihm dies aber nicht gelingen. Auch sonst war der Beginn der Session für die antisemitische Sache nicht günstig. Die Petitions-Kommission des Reichstags beschloß nämlich gegen die Stimmen der Konservativen, bem Plenum vorzuschlagm, über die antisemitische Petition um Sperrung der deutschen Grenze gegen die Einwanderung russischer Juden zur Tagesordnung überzugehen. Bemerkenswert war dabei, daß