Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1907)
- Article
- Die russische Revolution und die russischen Juden
- Date
- 1907-01-01
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
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4. Zw deutschen Reich. Die russische Weuokution und die russischen Juden. Vortrag des Herrn Dr. Paul Nathan, gehalten in der Versammlung des Central-Verems deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, am 5. Dezember 1906. Meine verehrten Damen! Meine Herren! Die liebenswürdigen Worte, die der Herr Vorsitzende an mich gerichtet hat, und der Beifall, den Sie mir gespendet haben, bereiten mir eine gewisse Beklemmung; denn das Thema, über das ich Zu reden habe, ist so außerordentlich schwierig, die Zeit selbst röenn Sie mir lange geduldig zuhören wollten, ist.so kurz bemessen, daß aus dem Riesenproblem, das ich vor Ihnen zu besprechen habe, auch nur die wichtigsten Punkte hervorzuheben außerordentlich schwierig, vielleicht unausführbar sein wird. — In 12 Stunden sind Sie von hier an der russischen Grenze. Der deutsche Zug hält in Eydrkuhnen, und dort pflegt man auf einige Zeit das Coupe zu verlassen. Man ergeht sich noch ein wenig in der freien Luft; dann setzt sich der Zug ganz langsam wieder in Bewegung, und man ist aus russischem Boden, in Wirballen. Ich habe diese Reise nicht einmal, sondern schon recht häufig gemacht, und ich bin niemals in Wirballen ohne ein gewisses Gefühl der Beklemmung angekommen. Man kann keineswegs behaupten, daß die russischen Beamten unhöflich seien, aber trotzdem beschleicht den Ankömmling ein Gefühl der Unbehaglichkeit. Ein lebendiges Bahnhofsleben herrscht nicht, man geht in den Saal hinein, wo gewartet werden muß; man gibt seinen Paß ab, und man hat, bevor der Paß in Ordnung befunden und das Gepäck revidiert worden, das Gefühl, daß man ein Gefangener ist. Es gibt keine andere Grenze in ganz Europa, die man überschreitet, wo man ähnliche Empfindungen hat, wie hier: gefangen; der freien Bewegung beraubt- Man befindet sich nunmehr in einem Reiche von 150 Millionen Menschen, und unter diesen 150 Millionen Menschen befinden sich 6 Millionen unserer Glaubensgenossen, 6 Millionen Juden. Wir sprechen diese Zahl, 6 Millionen, leichthin aus; es wird zweckmäßig sein, um Ihnen eine Vorstellung davon zu geben,