Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 11 (November 1906)
- Article
- Die Vorgänge in Rußland
- Date
- 1906-11-01
- Page
- 642 (sequence 4)
- Language
- German
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642 Zw deutschen Reich. männer nicht an die Hungersnot in verschiedenen russischen Gouvernements glauben und den durch den Pariser „Temps" in die Oeffentlichkeit gebrachten pessimistischen Geheimbericht des russischen Finanzministers Kokowzew nur auf dessen vorsichtiges Sparspstem zurückführen, wie es der Pariser „Figaro" wahrscheinlich auf Wunsch der Pariser russischen Botschaft getan hat, mag dahin gestellt bleiben. Kommt es aber zu dem Zusammenbruch der russischen Finanzwirtschaft, dann werden die Geschäfte, die jene skrupellosen Börfenmänner mit russischen Papieren gemacht haben, und die Verluste des Privatpublikums als ein Werk der Juden bezeichnet werden, was aufs Neue Wasser auf die Mühlen der Antisemiten liefern muß. Dies wird selbst denen empfindlich werden, die sich jetzt kein Gewissen daraus machen, den russischen Machthabern Geldmittel zu verschaffen und dadurch immer neue Judenmetzeleien anzetteln oder deren Veranstalter unterstützen helfen. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht; sie wird auch die jüdischen Kapitalisten richten, die aus schnöder Gewinnsucht sich an der russischen Finanzwirtschaft bereicherten, in dem Wahne, den leichten Gewinn noch rechtzeitig zu sichern, ehe dieser Kartenbau zusammenbricht und die entwerteten Papiere in den Händen der leichtgläubigen Privatkundschaft Zurückbleiben und diese bettelarm machen. An jedem auf solche Weise gewonnenen Rubel klebt das Blut unserer Glaubensbrüder in Rußland, deren Elend unsere Geldmänner kalt läßt, weil sie es nur vom Hörensagen kennen. Sie tun unwissentlich genau dasselbe, als ob sie dem Grafen Pückler Millionen liehen, um ihm die Möglichkeit zu verschaffen, die Sarah zum Fenster hinauszuwerfen, oder wenn sie dem Vater des Antisemitismus, Adolf Stöcker, die von ihm benötigten 60 000 Mk. schenkten, um die Arbeiter gegen die Juden aufzureizen — denn der Antisemitismus ist eine internationale Epidemie! Der Sekretär der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", Siegfried Fleischer, hat mit vollem Recht in einer österreichischen Versammlung den Anwesenden Zugerufen: „Bedenken Sie es wohl; auch wir stehen auf heißem Boden!" A.. L.