Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-10-01
- Page
- 586 (sequence 1)
- Language
- German
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586 Zm deutschen Nercy. Sit der Verheißung, die einst über Abrahams Leben leuchtete: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein!" und mit dem Hinweis auf den von den Antisemiten so häufig verunglimpften jüdischen Patriarchen, hat bei der Taufe des am L Juli geborenen ersten Enkels unseres Kaiserpaares der Oberhofprediger seine Rede eingeleitet und geschlossen. Dies mahnt unwillkürlich an das Wort des Dichters: „Das, was uns blindes Ungefähr nur deucht, gerade das steigt aus den tiefsten Quellen!" Hat doch jener alttestamentliche Segen, der sich hoffentlich allzeit an dem HohenZollernprinzen Wilhelm Friedrich bewähren wird, seine unauslöschliche Kraft auch an den späten Enkeln des großen Patriarchen gezeigt. Auch heute noch, in einer Zeit, die der Oberhofprediger in seiner Rede ausdrücklich als „eine gewaltige und fturmbewegte" bezeichnete, wandelt sich jeder Fluch, den die Feinde der Juden gegen sie schleudern, schließlich doch zum Segen. Auch heute noch erweisen sich die Juden, wenn auch erst nach langen, schweren Zeiten böswilliger Verkennung, durch ihren Familiensinn, ihre Mäßigkeit, Sparsamkeit und Betriebsamkeit für die Völker, die sie in ihrer Mitte aufnehmen und die ihnen volle Gleichberechtigung gewähren, als ein Segen, nicht etwa als ein Ferment der Decomposition, vielmehr oft im besten Sinne des Wortes als ein Sauerteig, der die Massen in eine fördernde Bewegung bringt. Noch immer gilt aber auch für die Staatsleitungen das alttestamentliche Wort, berufen zu sein, „frei Zwischen Segen und Fluch Zu wählen" und dem Staat immer neue Lebenskraft dadurch Zu verleihen, daß allen Staatsbürgern Recht und Gerechtigkeit gleichmäßig gewährt wird. Nicht minder gilt es für den einzelnen Staatsbürger, daß er für andere kein Segen und selbst nicht gesegnet sein kann, wenn er Mitbürgern wegen ihres Glaubensbekenntnisses oder wegen ihrer Abstammung die Gleichberechtigung mißgönnt und sie ihnen Zu entziehen trachtet. Der ehemalige Hofprediger Adolf Stöcker ist dafür ein Beispiel; er hat vielen Unsegen sich selbst und