Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 9 (September 1906)
- Article
- Antisemitenmoral und Vaterlandsliebe!
- Date
- 1906-09-01
- Page
- 510 (sequence 16)
- Language
- German
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510 Iw deutschen Reich. französischen Generalstab, begeht in dieser Stellung das gemeinste Verbrechen, das er überhaupt begehen kann: er verübt Landesverrat, wird ertappt und verurteilt und somit wäre Alles in Ordnung — aber der Lump hat das in unserer korrupten Zeit nicht zu unterschätzende Glück, ein Jude zu sein und weil er ein Jude ist, einzig und allein darum, muß er „unschuldig" sein, mag es kosten, was es will. Keine Katze hätte sich mehr um den verurteilten Dreyfus gekümmert, wenn er kein Jude, wenn er „nur" ein Christ gewesen wäre. Aber weil er „Aner is von unsere Lait", weil er einer aus dem „auserwählten Volke" ist, darf er kein Landesverräter sein, darf er nicht auf der Teufelsinsel sterben!" Nun, Dreyfus ist nicht auf der Teufelsinsel gestorben; er ist völlig zu seinem Rechte gelangt und, mit dem Ritterkreuz der Ehrenlegion geschmückt und im militärischen Range erhöht, wieder dem Heer eingereiht worden. Di-e Mitteilung, daß Major Dreyfus am 25. Juli im „Oerels mllltalre-' bei einem von dem Offizierskorps eines Artillerie-Regiments veranstalteten Fest tätlich beleidigt worden sei, hat sich als eine Erfindung erwiesen. Das in Vincennes bei Paris garnisonierende Regiment, in dem Dreyfus dient, wird von dem Oberst Meyer Samuel kommandiert und zählt unter seinen Offizieren nicht nur den Sohn des früheren Kriegsministers Andre, sondern lauter solche Kameraden, bei denen Andrs'sche vorurteilsfreie Gesinnung Mißhelligkeiten ausgeschlossen erscheinen läßt. Die früheren Gegner Dreyfus' hüten sich auch, die Agitation aufs neue zu entfachen; sie wissen, daß es nicht Großmut ist, die sie vor einerstrengen Ahndung ihrer Verbrechen schützt, sondern daß sie dies der Vaterlandsliebe der von jeder Rachsucht entfernten Freunde des Verfolgten danken und dem Wunsche der Regierung, neue Prozesse zu vermeiden, die dem Ansehen der gesamten französischen Heeresverwaltung schaden könnten. Sie sind bestraft genug durch den Ausgang der Dreyfus-Affäre, der ihnen so wenig Ehre macht, wie der deutschen Antisemitenpresse, die auch bei dieser Gelegenheit der Welt die ganze Niedrigkeit ihrer Gesinnung gezeigt hat. Ehrenmännern kommt es zu, einen Irrtum einzugestehen und wieder gut zu machen; von der Antisemitenpresse ist bei der Dreyfus-Angelegenheit diese Pflicht in keiner Weise erfüllt worden. Einzelne Antisemitenblätter haben seit der Freisprechung Dreyfus aus Verlegenheit oder aus Mangel an Mut vollständig