Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 9 (September 1906)
- Article
- Antisemitenmoral und Vaterlandsliebe!
- Date
- 1906-09-01
- Page
- 500 (sequence 6)
- Language
- German
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500 Iw deutschen Reich. nicht — ohne Vergleich der Personen — an die katilinarische Verschwörung? Aber der Cicero fehlt, der mit der Gewalt seiner Rede für die gefährdete re8 publica eintritt und ihr Fortbestehen rettet. Der Umschwung der öffentlichen Meinung Zu ungunsten der Drepfus-Preffe ist, seit Emile Zola sein Oel ins Feuer gegossen hat, ganz unverkennbar. Der Bogen wurde eben zu straff gespannt, so daß die Sehne riß. Die Reinach, Herz, Eissel, Aaron-Arton rc. hatten unter dem Schutze der Republik so ruhig ihre Schurkereien getrieben, daß die ganze Judenschaft förmlich erstarrt war, als einer der Ihrigen die Strenge des Gesetzes zu fühlen bekam. Da mußten natürlich „antisemitische" Beweggründe vorliegen, und das Dreyfus- Syndikat scheute denn auch vor dieser Beschuldigung nicht zurück. Aber damit eben hat es gewaltig übers Ziel hinausgeschossen. Man begann sich im französischen Volke jener überaus großen Milde zu erinnern, deren sich die schamlosen Volksausbeuter zu erfreuen gehabt hatten, und das regte doch zum Nachdenken an. Die Folgen waren ganz selbstverständlich: die Lüge, daß Drepfus ein Opfer antisemitischer Umtriebe geworden sei, lag zu deutlich auf der Hand, als daß man im Volke ihre Bösartigkeit nicht hätte durchschauen sollen, und so war selbstverständlich zu der Vermutung, die Juden trieben hier selber ein falsches Spiel, nur ein Schritt. Nicht der Hauptmann Dreyfuß ist ein Opfer des Antisemitismus geworden, sondern die Judenmache, die sich an seine Verurteilung knüpfte, hat den Antisemitismus in Frankreich neu belebt und die antisemitische Bewegung zu hellen Flammen angefacht. Der Nationalitätsgedanke, der sich bisher in öden chauvinistischen Revancheschreiereien gegen Deutschland verzehrte, nimmt einen anderen Charakter an; man merkt, daß nicht der Deutsche, sondern der Jude der größte Feind der Republik ist, daß das Judentum in seinem unbegrenzten Egoismus die Herrschaft an sich reißen will, und so wendet sich der Zorn gegen dieses. Eine weitere Klärung wird nicht ausbleiben. Sie ist schon dadurch vorbereitet, daß — die Anarchisten gegen die Antisemiten geführt werden. Die Sprengung der antisemitischen Versammlung auf Tivoli, auf deren Tagesordnung die Erörterung des „Falles Dreysus" und die Fassung eines gegen die jüdischen Umtriebe in dieser Angelegenheit gerichteten Beschlusses stand — durch Anarchisten ist ein sprechender Beweis dafür. Die Anarchisten wußten, nachdem sie sich den Eingang mit Gewalt er-