Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1906)
- Article
- Berlin
- Date
- 1906-07-01
- Page
- 469 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316740-2316748-2337002--15402-2337110- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Korrespondenzen. 469 Korrespondenzen. Berlin, 10, August. Der anmaßende Ton, den sich die antisemitische Presse gegen solche Minister anzuschlagen erlaubt, die ihren Wünscherl einigermaßen, aber ihrer Meinung nach ungenügend entgegengekommen sind, sollte endlich einmal preußische Staatsmänner zu der Erwägung veranlassen, ob es nicht richtig wäre, solchen terroristischen Anzapfungen gegenüber sich unempfindlich Zu zeigen. Der Rekord der Dreistigkeit, der durch einen in der „Staatsbürger - Zeitung" unter dem Titel „Die Judenausweisungen und der Minister von Bethmann-Hollweg" erschienenen Artikel geschaffen worden ist, wäre eigentlich geeignet, in dieser Beziehung aufklärend zu wirken. Der Verfasser scheint nämlich vergessen zu haben, daß er nicht zu einem Schulknaben, sondern zu einem Minister spricht, wenn er schreibt: „Ein Berliner jüdisch-liberales Blatt beschwerte sich über die Ausweisungen russischer Juden aus Berlin und seiner Umgegend. Sofort befahl der preußische Minister des Innern die Polizeipräsidenten von Berlin und Schöneberg zu sich zum Vortrag über die Ausweisungen. Weiter beeilte er sich, die Vertreter jüdischer Vereinigungen, darunter der Alliance JsraeliteUniverselle, zu empfangen, um ihnen zu versichern, daßvon den vielen Tausenden in Berlin befindlichen russischen Juden zunächst nur 700, die mittellos, ausweislos oder politisch verdächtig seien, ausgewiesen würden und einer Anzahl die Ausweisung bloß angedroht werden sollte, daß bei mehreren Ausweisungen die Polizeibehörden wider seine Intentionen gehandelt hätten und er dies unendlich bedaure. Diese Versicherung wiederholte er im Preußischen Landtage. Endlich erstattete er sogar dem kaum genesenen Fürsten Bülow Vortrag über die Ausweisungen. Damit betrachten die meisten von denen, die die Einwanderung von Juden als ein Unglück für unser«Volk ansehen, die Ausweisungsfrage als nach ihrem Wunsche, im nationalen Sinne, erledigt, und sie glauben, daß man das Weitere getrost der Regierung überlassen könne. Und doch sollten die Erklärungen des Ministers des Innern und überhaupt die Art und Weise, wie die Ausweisungsangelegenheit von ihm behandelt worden ist, ganz erhebliche Bedenken ver-