Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-05-01
- Page
- 314 (sequence 4)
- Language
- German
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314 Im deutschen Reich. Reklame einst massenhaft verbreitete, ist er heute natürlich ungern erinnert. Nichts kann ihm aber unangenehmer sein, als die offene Gegnerschaft Dr. Paul Böttichers, der damals in der Blütezeit des Pückler-Jubels mit ihm Hand in Hand und schließlich ins Gefängnis ging. Die er rief, die Geister, wird er nicht wehr los; ihm ist es noch weniger möglich, als den Antisemiten der deutschsozialen Richtung, den Antisemitismus der Gasse abzustreifen, nicht nur weil seine Antezedenzien unvergessen find, sondern weil der Radikalismus zu einer Frage der Existenzberechtigung für die unter Oswald Zirnmermanns Führung stehende Reformpartei geworden ist. Eigentümlich berühren freilich auch die krampfhaften Versuche einzelner hervorragender Mitglieder der Liebermann-Fraktion, ihren Antisemitismus salonfähig zu machen. In der am 3. Mai stattgehabten Reichstagssitzung protestierte der deutsch-soziale Abg. Lattwarm bei der Besprechung der Interpellation über „die Masseuausweisungeu russischer Staatsangehöriger" nicht nur gegen die Einwanderung russischer Juden, sondern nahm auch gleichzeitig Gelegenheit, seiner Judenfeindlichkeit ein seidenes Mäntelchen umzuhängen. Er sagte dabei: „Den Vorwurf des Antisemitismus machen uns ja die Gegner immer, weil dann etwas Schmutziges an uns hängen bleibt. Aber der Radauantisemitismus kann gar nicht scharf genug Zurückgewiesen werden,und für den Antisemitismus eines geistig verrückten Menschen wie des Grafen Pückler oder eines minderwertigen wie Ahlwardts tritt kein Mensch ein. Ganz anders steht es mit dem sittlich ernsten Antisemitismus, der in der gewaltigen Stärkung des jüdischen Geistes durch die Zuwanderung aus dem Osten eine Gefahr für unser Volkstum sieht". Daß dieses Bekenntnis auf der linken Seite des Hauses stürmische Heiterkeit erregte, ist begreiflich. So offen hat wohl noch nie ein Wortführer einer antisemitischen Fraktion zugegeben, daß der bloße Vorwurf des Antisemitismus befleckt, unö wie geringschätzig die früheren Heroender antisemitischen Bewegung jetzt von ihren einstmaligen Bewunderern beurteilt werden. An die Möglichkeit eines „sittlich ernsten Antisemitismus" wird aber doch kaum jemand ernstlich glauben können, auch wenn, um das antisemitische Schiff wieder flott zu machen, zwei Mann über Bord geworfen werden, die