Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1906)
- Article
- Die gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland
- Date
- 1906-05-01
- Page
- 280 (sequence 2)
- Language
- German
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280 Im deutschen Reich. sich wurde von ihnen aufgegeben. Es entwickelte sich ein regerer Verkehr zwischen den Gebildeteren und Reicheren aller Konfessionen. Die öffentlichen Versammlungen und die Salons wurden allen Deutschen ohne Unterschied der Konfession zugängig. Man stritt sich in den Zeitschriften über die Bewilligung der Gleichberechtigung für die Juden, konservative Christen traten öffentlich für die Gleichberechtigung ein und aus der Art, wie dies geschah, wurde ersichtlich, daß man näheren Verkehr mit den Juden gepflogen haben mußte; hätte man doch sonst nicht ihre Eigenschaften, ihre Vorzüge und ihre Fehler so eingehend besprechen und beschreiben können. Welche Rolle damals Juden in den großen Städten, in Berlin, in Frankfurt, in Hamburg spielten, wie ihre Salons von aller Welt ausgesucht, wie ihre Gelehrten und Schriftsteller von christlichen Gefährten in engeren Verkehr gezogen wurden, wie so mancher Jude unter den Volksrednern und Politikern bis zum Jahre 1848 hervorragte, das ist vielfach in der Geschichte des deutschen Volkes dargestellt und in manchen intimen Memoiren beschrieben. Immerhin kamen die damaligen Zustände nur einzelnen Personen oder Familien zugute; die große Masse der Juden konnte in Deutschland in die Gesellschaft erst ausgenommen werden, nachdem die Juden die staatliche Gleichberechtigung erlangt hatten. Dieser Prozeß aber vollzog sich etwa von der Mitte der 30 er Jahre bis zum Jahre 1869, eine Periode, die noch mancher der heutigen jüdischen Zeitgenossen witerlebt hat. Noch mancher unter uns kann sich der Ereignisse aus jener Zeit erinnern. Andere, die bereits dahingeschieden sind, haben in Lebenserinnerungen und in Briefen eine Fülle von Tatsachen niedergelegt, die den damaligen Zustand schildern und erklären. Während jener Jahre schien allmählich jeder Unterschied zwischen den Deutschen jeglichen Glaubens zu schwinden. Es blieb zwar noch immer eine ganze Portion Judenhaß zurück, und hier und da trat er öffentlich in die Erscheinung. Aber die gemeinschaftlichen Wünsche, das gemeinsame Streben nach deutscher Einheit und nach Freiheit ließ die Unterschiede schwinden und räumte mit den Zwischenwänden nach und nach auf. Und als dann die Einheit durch das Blut aller gekittet war, als in den großen Kriegen der 60er Jahre und von 1870/71 alle Deutschen Schulter an Schulter gekämpft hatten und gemeinsam