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Im deutschen Reich · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. 235

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1906-04-01
Page
235 (sequence 1)
Language
German
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Umschau. 235 Um 1. April, dem Geburtstage des ersten deutschen Reichskanzlers, wurde an seinen Ausspruch erinnert, der sich in Bluntschlis „Denkwürdigkeiten" verzeichnet findet und also lautet: „Die Germanen sind für sich allein unregierbar, denn jeder will seine Eigenart. Wenn sie aber Zusammengesaßt sind, dann sind sie wie ein Strom, der alles vor sich niederwirft, unwiderstehlich." Wer unter deutschen Juden großgeworden ist, wird nicht daran zweifeln, daß gerade bei ihnen diese „germanische" Eigentümlichkeit in demselben Maße hervortritt wie bei den Urteuronen. Daß die Juden deutsche Sprache und deutsche Sitten mir Vorliebe pflegen und sich überall als Pioniere des Deutschtums bewährt haben, ist unbestreitbar. Haben sie dafür bisher wenig Dank geerntet, so kümmert sie dies nicht; dem Deutschtum gegenüber hegen sie die Gesinnung: „Wenn ich Dich liebe, was geht es Dich an!" Ihre Vaterlandsliebe ist umso reiner, als sie auf keine Liebesgaben zu rechnen haben, und gründet sich doch auf Dankbarkeit, weil sie stets sich bewußt sind, daß ihre Wohlfahrt von der der deutschen Gesamtbevölkerung unzertrennlich ist. Empfanden sie dies selbst in den Zeiten des schwersten Druckes, so kam es ihnen voll zum Bewußtem, als im Völkerfrühling mit den einengenden Schranken für das ganze deutsche Volk auch für die Juden die Ghettomauern fielen. Damals vor etwa 60 Jahren stand in der Bresche dieser Mauern der fast an demselben Kalendertage wie der germanische Recke Bismarck geborene Gabriel Rießer, wie jener ein ganzer Deutscher, er aber auch ein ganzer Jude! Rühmt man an jedem 1. April mitRecht jenem nach, mit eiserner Faust die deutsche Einheit geschmiedet und als erster Reichskanzler gefestigt zu haben, so ist in den ersten Apriltagen dieses Jahres überall, wo deutsche Juden sich Zusammenfanden, Rießer, dem ersten deutschen Richter jüdischen Glaubens, nachgerühmt worden, daß er nicht nur ein Anwalt des Rechts seiner Glaubensgenossen, sondern aller deutschen Mitbürger gewesen rst. Daß er, von derselben Menschenkenntnis wie Bismarck durchdrungen, der erste war, der die deutschen Juden auf ihre echtdeutsche Eigentümlichkeit verwies, erst Zur rechten Zeit einen unwiderstehlichen Strom zu bilde möge ihm unvergessen bleiben.

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