Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Neue Blutlügen
- Date
- 1906-04-01
- Page
- 226 (sequence 1)
- Language
- German
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226 Im deutschen Reich. Weue WkuUügen. ^^MÄenn die PassahfestLage her an nahen, wiederholen sich seit Jahren die sreve!hasten Versuche der Antisemiten, den uralten Pöbelwahn des Ritualrnords auszufrischen, um die zum Aberglauben neigenden Massen gegen eine Bevölkerungs- Minderheit aufzureizen. Im Frühling des verflossenen Jahres brachte das in Stettin erscheinende Antisemitenblatt „Deutsche Hochwacht" unter der Spitzmarks „Frühlingsbeute" eine Reihe sensatoneller Notizen und stellte nach dem berüchtigten Polna-Muster das Verschwinden eines siebenjährigen Knaben aus Karlshorst mit der Anwesenheit eines angeblich dort hausierenden „kleinen Juden" zusammen. Damals schrieben wir: „Wenn so viele Urheber grauenhafterMordeunentdecktgeblieben sind, trägt nach Ansicht aller unparteiischen Kriminalisten die EinmischungUnberufener in die geordnete Rechtspflege sicher einen großen Teil der Schuld. Wer ein „Geschäft" daraus macht, Verbrechen zu erfinden, trägt, wenn auch vielleicht nicht absichtlich, dazu bei, Verbrechen Zu vermehren. Das Dichten von Ritualmord-Märchen mag für die Blätter vom Schlage der „Deutschen Hochwacht" lohnend sein; es ist aber nicht nur für die Juden, sondern auch für viele Christen verhängnisvoll." Im Frühjahr 1905 haben die Ortsbehörden durch baldige Veröffentlichungen des Sachverhalts und durch die Feststellung, daß der kleine Gerhard Behrens imBaperschen EispfuhL bei Rummelsburg ertrunken sei, den Plan der Antisemiten durchkreuzt, aber es war uns nicht Zweifelhaft, daß diese das Dichten von Ritualmord- Märchen nicht lassen können. Dieser UeberZeugung gaben wir durch die Worte Ausdruck: „Wenn die Dummen nicht alle werden, wird diese antisemitische Giftmischerei immer wieder versucht werden, denn das Geschäft nährt seinen Mann!" Wir hätten hinzusetzen können, daß das Dichten solcher Märchen keine besonderen Geistesgaben beansprucht, da dabei stets nach bekannten Mustern gearbeitet und nur durch irgend eine unwesentliche Veränderung ein phantastischer Aufputz hinzugefügt wird. Für gewisse Leute ist ja auch der böse Satz maßgebend: „Die Welt will betrogen sein, so sei sie denn betrogen" und der Anreiz Zu solchem Tun ist um so größer, je mehr in breiten Volksschichten als traurige Ueberlieserungen