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Im deutschen Reich · 1906-03-01 · Heft 3 (März 1906) · p. 188

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 3 (März 1906)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1906-03-01
Page
188 (sequence 16)
Language
German
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188 Im deutschen Reich. über die Juden, die im Zarenreiche in die revolutionäre Bewegung Hineingetrieben wurden, milder urteilen. In der Berliner Zeitschrift „Der Tag" hat I. Wiener auf eine in demselben Blatte vorher von Alexis von Engelhardt veröffentlichte, einseitige Darstellung der von den Juden in der revolutionären Bewegung Rußlands gespielten Rolle treffend geantwortet: „Bei einer Darstellung des Anteils der russischen Juden an der Revolution darf der psychologische Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben." Die in den letzten Januartagen wiederum in Homel stattgehabten Metzeleien sind dadurch verursacht worden, daß die Ermordung des Polizeikommissars Assolow, der von mehreren verhafteten jüdischen Mädchen zwei hatte schänden lassen, den Juden zur Last gelegt wurde. Die Täter entkamen. Nach der Ermordung Assolows bemächtigte sich darauf der Stadt eine furchtbare Aufregung. Die jüdischen Händler eilten nach Hause und schlossen ihre Geschäfte. In den späten Abendstunden wagte sich niemand aus die Straße; die Soldaten schlugen jeden Juden, dem sie begegneten; mehrere Greise und Kinder wurden schwer verwundet. Außerdem beraubten die Soldaten ihre Opfer. Nach der Beerdigung Assolows sind in Homel etwa 200 Geschäfte und große Handelshäuser und 30 Wohnungen ausgeraubt und durch Feuer vernichtet worden. Der Schaden wird aus ll4 Millionen Rubel geschätzt. Mehrere Juden wurden ermordet: die Zahl der Verwundeten war sehr erheblich. Die Stellung des russischen Ministerpräsidenten Witte gilt als erschüttert, seitdem die Behauptung Glauben gesunden hat, daß er den Arbeiterführer Gapon durch Bestechung zu seinem Werkzeug gemacht habe. Die Juden würden diesem Minister, der seit der Aussichtslosigkeit einer neuen, im Auslande auszunehmenden russischen Anleihe die einst in Portsmouth aufgesetzte judenfreundliche Maske abgeworsen hat, keine Träne nachweinen. Unter seinem Regiment ist im Verlaufe von drei Monaten mehr jüdisches Blur in Rußland geflossen, als während der dreijährigen Amtierung Plehwes. Die Empörung ist nahezu gedämpft, aber die russischen Machthaber werden erkennen müssen, daß man sich aus Bajonette wohl stützen aber nicht setzen kann. „Schrecklich immer, auch in gerechter Sache, ist Gewalt" hat Deutschlands größter Dichter gesagt. Nur das gleiche Recht für alle Bürger bietet eine sichere Gewähr für den Bestand eines Staates. A. L.

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