Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1906-03-01 · Heft 3 (März 1906) · p. 174

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 3 (März 1906)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1906-03-01
Page
174 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2316602-2316740-2316744--14901-2336472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

174 Im deutschen Reich. Reichskanzlers gegen die Ansprüche der Großgrundbesitzer diesen jeden Anlaß genommen hatte, in der früheren Weise die Verhandlungen mit scharfen -Ausfällen gegen die Regierung zu würzen, entbehrten sämtliche Ausführungen einer politischen Bedeutung. Sie richteten sich deshalb nur gegen die angeblich mit der Sozialdemokratie im Bunde stehenden Juden. Dadurch trat der antisemitische Charakter des Bundes der Landwirte diesmal noch mehr als je in den Vordergrund. Dem Reichstagsabgeordneten Liebermann von Sonnenberg hatte man einen Platz am Vorstandstisch eingeräumt, um ihm seine antisemitischen Kraftproduktionen in der Arena zu erleichtern. Er brauchte sich nicht anzustrengen, da seine Nachahmer im „Zirkushumor" mit ihm wetteiferten, und begnügte sich in der Hauptsache damit, den Verhandlungen ein echt antisemitisches Siegel aufzudrücken. Bei dem Beginn beteuerte der Freiherr von Waugeuheiw zwar, keine antisemitischen Phrasen drechseln zu wollen, wobei nicht viel herauskomme; er wurde durch Hinweise auf ein „internationales revolutionäres Judentum" aber so deutlich, daß niemand ihn mißverstehen konnte und ringsum die Zurufe „Juden! Juden!" und stürmische Beifallskundgebungen feine Worte übertönten. Noch schärfer ging unter allgemeinem Jubel ein österreichischer Gast, ein Reichsritter von Hohenblum, ins Zeug, der, weil für ihn als einem anscheinend grünen semitischen Sprößling der Antisemitismus besondern Reiz hatte, schwungvoll über eine „goldene Internationale" phantasierte, die von der „grünen" Internationale der Landwirte stramm bekämpft werden müsse. Nachdem der nächste Redner Diedrich Hahn der Zufriedenheit des Bundes mit den jetzigen Leitern der Regierung Ausdruck verliehen hatte, trat der nicht wieder in den Reichstag gewählte Redakteur der „Deutschen Tageszeitung" Dr. Oerrel in die Busch-Arena, um die Versammlung durch einen des Raumes würdigen Witz zu ergötzen, indem er Rne Zigarettensteuer durch die Behauptung empfahl, daß die Zigarette eigentlich unmännlich und widerlich süßlich, also „undeutsch" sei und einen Stich in das „Orientalische" habe. Dann witzelte er über das „Exterieur und das zutage tretende Interieur der bei Dressel und Uhl speisenden Börsenherren", um eine Erhöhung der Börsensteuer als möglich und rötlich hinzustellen. Wo er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.