Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Gabriel Rießer
- Date
- 1906-03-01
- Page
- 145 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Gabriel Rießer. 145 ein geehrter Redner mit voller Befugnis das Recht in Anspruch genommen, vor Ihnen im Namen des bevorzugten Standes, dem er angehört. Zu reden und denselben Zu verteidigen. Ich nehme das Recht in Anspruch, vor Ihnen aufZutreten im Namen einer seit Jahrtausenden unterdrückten Klasse, der ich angehöre durch die Geburt, und der ich — denn die persönliche religiöse Ueberzeugung gehört nicht hierher — ferner angehöre durch das Prinzip der Ehre, das es mich hat verschmähen lassen, durch einen Religionswechsel schnöde versagte Rechte zu erwerben. Im Namen dieser unterdrückten Volksklasse gegen gehässige Schmähungen vor Ihnen , das Wort Zu ergreifen, dieses Recht nehme ich in Anspruch. Der geehrte Vorredner hat seinen Antrag in eine Unwahrheit gefaßt. Er will nämlich den israelitischen Volksstamm durch Ausnahmegesetze von dem für Alle gleichen Rechte ausgeschlossen haben. Sie haben nun durch einen feierlichen Beschluß den nicht deutsch redenden Bolksstämmen, die in Deutschland leben, Gleichheit vor dem Gesetz, Gleichheit der Rechte, Gleichheit alles Dessen, was den Deutschen Deutschland teuer macht. Zugesichert. Sollen wir Juden es für unser Unglück erachten, daß wir deutsch reden? Sollen wir darum schlechter behandelt, soll uns die Freiheit vorenthalten werden dürfen, weil wir nicht in die Kategorie nicht deutsch redender Volksstämme gehören?" . . . „Ich weiß," so sagt Rießer weiter, „ich weiß, daß ich hier Partei bin, allein ich will es gern sein auf Seilen der Unrecht Leidenden und Unterdrückten. Ich selbst habe unter den Verhältnissen der tiefsten Bedrückung gelebt und ich hätte bis vor Kurzem in meiner Vaterstadt nicht das Amt eines Nachtwächters erhalten können. Ich darf es als ein Werk, ich möchte sagen, als ein Wunder des Rechts und der Freiheit betrachten, daß ich befugt bin, hier die hohe Sache der Gerechtigkeit und der Gleichheit zu verteidigen, ohne zum Christentum übergegangen Zu sein." . . „Glauben Sie nicht," so schließt die kernhafte Rede, „daß sich Ausnahmsgesetze machen lassen, ohne daß das ganze System der Freiheit einen verderblichen Riß erhalte, ohne daß der Keim des Verderbens in dasselbe gelegt würde. Es ist Ihnen vorgeschlagen, einen Teil des deutschen Volkes der Intoleranz, dem Hasse als Opfer hinzuwerfen; das werden Sie aber nimmermehr tun, meine Herren!" Diese Rede erhob Rießer mit einem Schlage unter die größten Meister des Wortes seiner Zeit und seines Landes. Noch nach Jahren schwärmt Heinrich Laube von ihm: „Ein echter