Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- Judenmord und Christenliebe [Rezension]
- Date
- 1906-02-01
- Page
- 124 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316740-2316743-2336261--14831-2336350- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
124 Im deutschen Reich. Mcherschau. Judenrnord und Chrisienliebe. Ein Kraftwörtchen von Te-Kio. Berlin NW. 7. Verlag von Eugen Wertheim. Unter dem frischen Eindruck der entsetzlichen Ereignisse, die sich Anfang November 1905 in Rußland abgespielt haben, hat der Verfasser ein kräftiges, stellenweise sogar allzu kräftiges Mahnwort an unsere christlichen Mitbürger gerichtet, um sie auszufordern, ihre Teilnahme für die unglücklichen Opfer und für die Geschädigten in geeigneter Weise zu bekunden. Da Christen diese Greueltaten im Namen des Christentums verübt haben, so ist es die heilige Pflicht der deutschen Christen — nach dem Vorbilde der englischen —, diesen ihren russischen Glaubensgenossen ihren Abscheu zu bezeigen. Die Ablehnung irgendwelcher Gemeinschaft mit diesen russischen Christen ist eire feige Ausrede, denn auch diese sind getauft, in der Religion der Liebe unterrichtet und durch den christlichen Glauben veredelt worden. Nach diesem Aufruf des christlichen Gewissens schildert Verfasser das entsetzliche Elend, in welchem unsere jüdischen Glaubensgenossen in Rußland schmachten, und hebt hierbei ihren Bildungstrieb, aber auch ihre Begeisterung für die Befreiung ihres, ach so undankbaren Vaterlandes vom Joche des verruchten Tschinownikrums hervor. Wer kann es den russischen Juden verdenken, daß sie „bei der allgemeinen Auflehnung gegen die Willkürherrschaft als diejenigen, die am meisten zu leiden und am wenigsten Zu verlieren hatten, im Vordergründe standen"? Ihnen aber die Schuld an der gewaltigen Revolution zuzuschreiben und die furchtbaren Greueltaten als Buße für die revolutionäre Verhetzung hinzustellen, wie es einzelne deutsche Zeitungen getan haben, das ist eine ebenso niederträchtige Verleumdung, wie..die unverhohlene Freude der antisemitischen Presse über den herrlichen Erfolg der russischen Judenhetzen das Zeugnis einer unbegreiflichen Gefühlsroheit darstellt. Fast ebenso schlimm aber wie diese teuflische Schadenfreude ist die Gleichgiltigkeit, mit der die Mehrheit des deutschen Volkes jenen erschütternden Ereignissen