Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-02-01
- Page
- 84 (sequence 1)
- Language
- German
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84 Im deutschen Reich. Umschau. mit dem modernen Fühlen und Denken kaum vereinbaren beständigen Angriffe auf die Gleichberechtigung der Juden würden sich selbst durch die schlimmsten Instinkte gegen eine wehrlose Minderheit nicht erklären Lassen, wenn nicht selbst einem großen Teile der sogenannten „bessern" Kreise in der Jugend mittelalterl che Begriffe eingeimpft wären, die irrtümlich für religiöse gehalten werden. Seit der weltbewegenden „Erklärung der Menschenrechte" ist die Bekämpfung der Gleichberechtigung der Juden aber nur ein Kampf gegen Windmühlenflügel, weil der frische Luftzug echten Rechtsgefühls die Räder immer wieder vorwärts treiben wird, weil Gottes Mühlen mitunter zwar langsam, aber stets weiter mahlen. Die geistige Entwickelung der Menschheit lä^t sich weder durch eine pfässffche Erziehung noch durch eine fortschrittsfeindliche Staatskunst dauernd aufhalten; Aufklärung führt keineswegs Zur Gottesleugnung oder zur Zügellosigkeit, sondern zu der Religion, die mit wahrer Humanität gleichbedeutend ist und zu einer die allgemeine Volkswohlsahrt sichernden Staatsordnung, die Klassen- und Rassenhaß ausschließt. Seit 12 Jahrzehnten haben in allen Kulturstaaten diese Grundsätze sich mehr oder minder Geltung verschafft; wann und wo man ihnen widerstrebte, führte der Versuch, die geistige Entwickelung zu hemmen, unsägliches Unheil herbei. Der entscheidende Sieg, der vor hundert Jahren auf dem Schlachtfeld von Jena und Auerstedt die junge Großmacht Preußen nahezu zertrümmerte, war weniger das Werk des korsischen Genies, als der unausbleibliche Erfolg neuer Gedanken über das Zopftum. Den Zeitgemäßen Schöpfungen Scharnhorsts, Steins, Hardenbergs und dem wunderbar wirkenden „Aufruf an mein Volk" war es Zu danken, daß wenige Jahre später diese Scharte ausgewetzt wurde. Die Weltgeschichte ist die beste Lehrmeisterin, aber die „Kreuzzeitungs-Ritter" sind stets beflissen, zu beweisen, daß sie in dieserSchule nichts gelernt und nichts vergessen haben. Wie sie über den rastlosen Fortschritt der Wissenschaft und Technik und über Menschenrechte denken, zeigt u. a. auch ein v. B. Unterzeichneter „1806—1906" überschriebener Leitartikel der „Kreuzzeitung" vom 26. Januar. Wer