Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Berlin
- Date
- 1906-01-01
- Page
- 34 (sequence 4)
- Language
- German
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Im deutschen Reich. 34 daß seine Vorfahren minder engherzig waren und an vielen Orten Kirche und jüdische Friedhöfe weniger als 2000 Meter von einander entfernt find, ohne daß jemand den früheren Gemeindebehörden daraus jemals einen Vorwurf gemacht hat. Wenn man in Lankwitz jetzt anders denkt, wird gewiß jeder Jude die Ansicht hegen, er möchte in Lankwitz — nicht begraben sein! In dem Berichte, den die Herren Dr. Paul Nath an- Berlin, Carl Stettauer - London und Or. Feinberg- St. Petersburg über ihre Reise durch Rußland vom 22. November bis 10. Dezember 1905, dieser Tage veröffentlicht haben, werden u. a. als generelle Gesichtspunkte, die die Herren bei der Hilfsaktion geleitet haben, folgende angegeben: „Verhinderung der Auswanderung, soweit irgend durchführbar. Keine Almosen, sondern sofortige Gewährung einer Unterstützung in dem Umfange, daß die Betroffenen ihre ursprüngliche wirtschaftliche Tätigkeit, wenn auch in bescheidenerem Umfange wieder aufzunehmen in der Lage sind". In dem Berichte heißt es: „Es dürfte sich als notwendig erweisen, Summen Zur Verfügung zu stellen, um in allen betroffenen Ortschaften durch Advokaten den . tatsächlichen Verlauf der Ereignisse bei den Pogromen, sowie die sich daraus ergebenden juristischen Konsequenzen klarstellen zu lassen. Dis reale Bedeutung eines solchen Vorgehens Zur Durchsetzung von Schadenersatz-Ansprüchen, oder um schuldige Personen zur Verantwortung zu Ziehen, mag im allgemeinen sehr Zweifelhaft sein, obwohl in besonderen Füllen auch ein derartiges Resultat sich wird erzielen lassen. Unzweifelhaft wird aber das auf diese Weise gesammelte Material, das entsprechend Zu verwerten wäre, einen großen moralischen Eindruck aus die gesamte gesittete Welt machen und in der Rückwirkung von der russischen Regierung wenigstens in gewissem Umfange berücksichtigt werden müssen. Die Eindrücke der Kommission, die sie durch unmittelbare Beobachtung und durch die Vernehmung absolut zuverlässiger Zeugen gewonnen hat, sind die furchtbarsten. Die Wirkungen der Pogrome sind entsetzlicher, als dies aus Grund der bisherigen schriftlichen Berichte hat angenommen werden können, und es steht fest, daß die russischen Staatsbehörden in den bei weitem meisten Fällen nichts taten, um den barbarischen Ausschreitungen gegen das Leben und den Besitz unserer Glaubensgenossen Einhalt zu tun.