Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 11 (November 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-11-01
- Page
- 601 (sequence 14)
- Language
- German
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Umschau. 601 Ohren abschnitt und die Zangen mit Zangen ausriß. In der Vorstadt Moldavanka lagen Sonnabend von Mitternacht bis Mittag an tausend Leichen und Verwundete auf der Straße. Sie wurden dann von den Behörden aufgelesen und die Leichen in große Mastengräber geworfen. Diese gräßlichen Freveltaten können nrcht ungesühnt bleiben; die deutschen Antisemitenblätter aber machen sich zu Mitschuldigen der elenden Mordbanden, die sie mit der Entrüstung fanatischer Verteidiger der Monarchie über die angeblich von den Juden zur Empörung aufgestachelten Arbeiter zu entschuldigen suchen. Die Schandtaten der von den zeitweilig kaltgestellten Satrapen aufgestachelten und besoldeten Mordbuben nennen die deutschen Knechte der Reaktion „eine Revolution des zur Vernunft gekommenen national-russischen Volkes gegen seine Verführer"! Wird der Zar durch den Hinweis auf solche Aeußerungen der auswärtigen Schönfärber dazu verführt, Witte zu entlassen und die „schwarze Meute" weiter wüten zu lasten, dann ist der Untergang des Zarentums besiegelt, und dann ist die antisemitische Wühlerei und Verlogenheit mit daran schuld, wenn die europäischen Monarchien von Mehreren Republiken umgrenzt werden. Zu spät mag der Zar einsehen, daß er sich früher hätte von Ratgebern befreien sollen, die die schlechtesten Instinkte der Masten wach rufen, um eine echte Bürgerfreiheit und eine geordnete Verwaltung nicht aufkommen zu lasten, bei der sie ihre frevelhafte Führung nicht fortsetzen können. Es nützt nichts, wenn er sich sagt, „ein friedlich Volk hätte ich beglücken können, ein wild empörtes kann ich nicht bezähmen." Unter seiner Herrschaft hat die Korruption zu lange geherrscht; sie stachelt jetzt den niedersten Pöbel zu Mord und Plünderung auf, um durch „Judenhetzen" dazu zu gelangen, weiter im Trüben fischen zu können. Die Verzweiflung der zur Selbstwehr gezwungenen Bevölkerung richtet sich aber gegen ihn, der seine Macht nicht rechtzeitig zu benutzen wußte, um christlichen und jüdischen Bürgern ein menschenwürdiges Dasein zu gewähren und das zu schützen, was die feste Grundlage aller Staaten ist: Recht und Gerechtigkeit. A. L.