Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 11 (November 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-11-01
- Page
- 590 (sequence 3)
- Language
- German
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590 Zur deutschen Reich. kenntnisse ungehörige Minderheit der Bevölkerung verantwortlich zu machen Pflegen, verschuldet es mit, wenn der große Moment ein kleines Geschlecht findet. Das sollte nicht sein, nicht weil es die deutschen Juden krankt und schädigt, sondern weil es ein Verbrechen gegen das deutsche Vaterland und das deutsche Volk ist, denen wir zum Segen gereichen können und wollen. Die Gleichberechtigung der Juden war kein Geschenk, sondern lediglich eine Erfüllung einerwidersinnig verzögerten Kulturforderung. Wir wissen nun und fühlen, was wir im Völkerleben wert find, und verlangen deshalb, als gute Deutsche auch als vollberechtigte Bürger des großen deutschen Volkes wie jeder Andersgläubige unsere Fähigkeiten frei entfalten und zum Heile der Gesamtheit betätigen zu dürfen. An eine Bileamsrede gemahnt es auch, wenn der tiefe Ernst der Zeit ein Antisemitenblatt wie die „Staatsbürger-Zeitung" zu dem Ausspruch veranlaßt: „Zerklüftet in konfessionellem Hader, zerklüftet durch die Treibereien machtbedürstiger Agitatoren, die sich als die Beschützer des Proletariats ausspielen, ist unser Blick völlig getrübt und abgelenkt von den großen Zielen unseres Volkes." Wer anders aber hat denn in Deutschland und anderwärts den konfessionellen Hader entfacht als die antisemitischen Volksaufwiegler; sind nicht gerade unter ihnen jene machtbedürftigen Agitatoren zu finden, die sich gern als die Beschützer des Proletariats aufspielen würden, wenn der deutsche Arbeiter nicht auf einem weit höheren Kulturniveau stände als der russische Tagelöhner und Bauer? Und weil ihre Umwerbungen des Proletariats an der höheren Intelligenz der deutschen Sozialdemokratie abpraüen, spielen sich die antisemitischen „machtbedürftigen" Führer als die Beschützer des „Mittelstandes" aus, hindern die Handwerker durch das Blendwerk des „Befähigungsnachweises" und die ungesunde Romantik mittelalterlicher Zunftgebräuche, ihre Betriebe den technischen Errungenschaften der Neuzeit auzupaffen, die ihnen weit besiere Erfolge verbürgen würden als die ihnen für antisemitischen Agitationen beständig abgeforderten erheblichen Opfer an Zeit und Geld. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht; deshalb wird und muß einst die Zeit kommen, in der das deutsche Volk es erkennen und sagen wird: „Den Antisemitismus klagen wir an; er ist cs „der unsern Blick völlig getrübt und abgelenkt hat von den großen Zielen unseres Volkes", das berufen war und ist, nicht hinter den Ruffen, sondern jederzeit, an der Spitze der Kulturvölker zu marschieren und als seine heiligsten Güter zu wahren: „Gerechtigkeit, Gleichheit und Aufklärung."