Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 11 (November 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-11-01
- Page
- 589 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 589 deutschen Städte, die die jüdischen Bewohner mitleidslos ansgetrieben hatten, wenige Jahre später bei den Küisern und den Landesfürsten flehentlich um die Erlaubnis nachgesuchfl wieder „Juden halten Zu dürfen". Bis in die neueste Zeit und in allen Weltteilen erfüllt sich in ähnlicher Weise die Weissagung, daß sich die Völker mit den Juden segnen werden. Wo betriebsame Juden willige und billige Arbeitskräfte, verständnisvolles und freundliches Entgegenkommen der Stadtverwaltung und der andersgläubigen Bürgerschaft finden, blühen Industrie und Handel auf, vermehrt sich das Steuereinkommen der Stadt und vermindert sich die den einzelnen Bürger drückende Steuerlast. Wo dagegen die Bewohner einer Stadt die jüdischen Mitbürger geschäftlich und gesellschaftlich schädigen, oder die Stadtverwaltung selbst sich durch Antisemiten zu Schächtverboten und andern „Schikanen" verleiten lassen, schütteln die wohlhabenden Juden den Staub von den Füßen und ziehen nach einer nahen Großstadt, in der man vernünftigen Grundsätzen huldigt und den Wert intelligenter und kapitalkräftiger Zuzügler zu schätzen versteht. Eine antisemitische Verblendung einzelner Verwaltungen kleiner Städte kann man immerhin noch eher begreifen, als das was einzelne Regierungsorgane in den deutschen Ostmarken durch das religiöse und Rassenvorurteil den deutschen Juden gegenüber verüben, die, so weit sie sich dies leisten können, nach Westen ziehen. In den Ostmarken aber tritt stets an die Stelle des nach Westen ziehenden deutschgesinnten Juden ein fanatischer Pole oder ein von Kastengeist erfüllter christlicher Deutscher, der aus Unkenntnis der Verhältnisse wirtschaftlich und gesellschaftlich nicht vorwärts kommt und früher oder später auch wieder einem Polen Platz macht. Jede Judenverfolgung, auch die sich in nicht russischer Rohheit vollziehende, ist erfahrungsmäßig nur das traurige Vorspiel des politischen Zusammenbruchs; dagegen ist immer die vollständige und ehrliche, rechtliche und soziale Gleichstellung der Bürger jüdischen Bekenntnisses eine sichere Bürgschaft für die allgemeine Volkswohlsahrt. Eine gerechte Würdigung der Bedeutung eines so tüchtigen Kulturelements kommt selbstverständlich der Gesamtheit zu statten. Tüchtige Volkswirte können sich kaum noch der Tatsache verschließen, daß es geradezu widersinnig ist, den Juden, von denen so viele Bedeutendes für die Vermehrung der Arbeitsgelegenheit und Schaffung neuer Werte leisten, einen ansehnlichen Anteil an der nationalen produktiven Arbeit abzusprechen. Wir leben in einer großen, aber sehr ernsten Zeit, die nur zu geeignet ist, den Wert tüchtiger Männer schätzen zu lehren. Davon ist Leider noch wenig zu spüren. Wer zu denen gehört, die für alles, was dazu führt, Mißbehagen zu erregen, die dem jüdischen Be-