Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-10-01
- Page
- 525 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 525 war früher eine allgemeine. In einem Artikel des „Berliner Tageblattes" wurde kürzlich darauf aufmerksam gemacht, daß in der neuen Glasenappschen Sammlung der lyrischen Gedichte Richard Wagners früher gedruckte Dichtungen nicht mit veröffentlicht sind, welche kundgeben, daß der später judenfeindliche Tondichter in der Zeit des Völkerfrühlings noch vollständig von jener freiheitlichen Empfindung beherrscht war. Eines dieser Gedichte Wagners schließt mit den Worten: „Schwört Lei den frischen Hügeln, hebt die Rechte: Zu dulden nicht mehr Herren und Knechte, Als Menschen jeden Menschen gleich zu achten, Als Bruder jeden Menschen zu betrachten." Es berührt gewiß eigentümlich, an eine solche Mahnung eines bedeutenden Menschen erinnert zu werden, den die Antisemiten als ihren Gesinnungsgenoffen reklamieren, trotzdem es gerade durch die antisemitische Bewegung dahin gekommen ist, daß weite Kreise der deutschen Bevölkerung nicht nur die Verschärfung der Kläffer unterschiede mit Gleichmut hinnehmen, sondern sich auch völlig der Pflicht entschlagen, in jedem Menschen das Menschentum zu achten, geschweige denn jeden Menschen M Bruder zu betrachten. Daß dabei mühsam errungene Volksrechte gedankenlos preisgegeben werden, ficht die von der Parteiwut Ergriffenen wenig an. Um den jüdischen Teil der Bevölkerung rechtlos zu machen, geben sie willig die gesamte Bürgerfreiheck preis; willig dulden sie die Scheidung in Herren und Knechte, weil ihnen die Möglichkeit vorschwebt, die Gleichberechtigung der Juden gesetzlich zu vernichten, oder wenigstens durch Willkürakte illusorisch zu machen. Zu spät werden vielleicht die von diesen verblendeten Fanatikern des Religions- und Rafstnhaffes Mißleiteten einsehen, daß man aus dem festen Gefüge des Rechtstaates keinen Stein herausnehmen kann, ohne das Ganze zu erschüttern, daß man nicht ein Hundertstel einer Bevölkerung der Freiheit berauben kann, ohne daß auch die übrigen Volksschichten der Willkür bevorrechtigter Kreise anheimfallen. Die sogenannte Judenfrage ist eben nur ein Teil der großen sozialen Frage und von dieser nicht loszulösen, — denn eine Freiheit macht uns alle frei! Von diesem Gesichtspunkte aus ist die Bedeutung der gewaltsamen Vertreibung eines jüdischen Bilderhändlers von der antisemitisch verseuchten Nordseeinsel Borkum nicht zu unterschätzen. Nur durch eine Verdrehung der Rechtsbegriffe kann man den Vorfall mit dem Recht der Privat-