Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1905)
- Article
- Borkum in - Deutschland!
- Date
- 1905-10-01
- Page
- 524 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316737-2335652--14285-2335721- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
524 HM deutschen merch. Staatssekretär Frhr. von Richihofen, Eisenbahndirektionsprästdent Kranold und andere „Ehrengäste." Genug der Einzelheiten über diese beschämenden Vorgänge, die wahrlich uns als Juden kaum mehr tangieren, wie als deutsche Staatsbürger. Denn wir können der für die Juden gesperrten Erholungsorte entratenund tragen keinGelüste, die Gesellschaft verrohter Antisemiten aufzusuchen oder mit ibnen auch nur in entfernte Berührung zu kommen. Aber soll der Jude, der nichtsahnend in diesen Kreis hineingerät, im Lande der Gleichberechtigung, in einem Rechtsstaate schutzlos der Verfolgung und Entrechtung ausgesetzt sein? Kann die Regierung aus Gründen der Staatsraison solche Zustände dulden? Wird nicht geradezu der deutsche Name befleckt, wenn solche kulturwidrigen Vorgär ge möglich sind? Wir dürfen erwarten, daß die aufgeworfenen Fragen an geeigneter Stelle Beantwortung finden. Es werden — nicht nur um der Juden willen, sondern in Wahrung vaterländischer Interessen — Volksvertreter bereit sein, ihre Stimme in den Parlamenten zu erheben und mit Nachdruck dafür eintreten, daß dem Unfug, der die Grenzen alles Erträglichen längst überschritten hat und eines geordneten Rechtsstaates unwürdig ist, in geeigneter Weise ein Ende gemacht wird. Wir aber, die wir im Kampfe gegen den Antisemitismus stehen, schöpfen auch aus diesem Vorgänge wieder die uns anspornende Ueberzeugung, daß wir für die Kultur kämpfen, wenn wir uns gegen die verrohten Judenhasser wenden. I)r. J. L. Äer Literaturhistoriker Gustav Wendt schrieb vor 35 Jahren in einer Einleitung zu Schillers „Wähelm Tel!": »Ohne den festen Glauben an jene heiligen Menschenrechte, die droben hangen unveräußerlich, ohne den strengen sittlichen Ernst, der nirgends leichtfertig die Ordnung aufgibt, um Freiheit zu gewinnen, und ohne die warme treue Liebe zum Vaterlande, hat kein modernes Volk eine politische Zukunft." In diesen Worten liegt eine tiefe Wahrheit, die gerade in der Gegenwart sowohl von den Regierenden wie von den Regierten viel zu wenig beherzigt wird. Die Empfindung, daß keine politische Freiheit ohne Achtung jener »heiligen Menschenrechte" denkbar ist,