Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1905)
- Article
- Borkum in - Deutschland!
- Date
- 1905-10-01
- Page
- 523 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316737-2335652--14284-2335720- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wird, so wollen wir dennoch nicht unterlassen, nochmals auf diese bedauernswerten Zustände hrnzuweisen. Wir haben uns während unseres hiesigen Aufenthaltes persönlich überzeugen können, daß die antisemitische Strömung auf Borkum die Grenze alles dessen, was man kurzweg als anständig zu bezeichnen gewöhnt ist, überschritten hat. Nicht allein, daß alltäglich in den größten Hotels des Ortes abstoßende Spottlieder auf die Juden angestimmt werden, und zwar von den Hotelgästen, unter Begleitung von Musikkapellen, nicht allein, daß jedem Juden, der die Insel betritt, der Aufenthalt dortselbst ohne triftigen Grund untersagt wird (also eine direkte Verletzung der Gesetze), nicht allein, daß Zettel mit ungebührlichem Text, wie: „Raus mit den Juden" in den Straßen zur öffentlichen B.kanntmachung angebracht werden, sondern das auf diese Weise systematisch gepflegte Radauamüsement eines tit. „g« bildeten" Pöbels hat kürzlich dazu geführt, daß ein auf die Insel gekommener jüdischer Gemäldehändler durch gröbliche Angriffe vom Ort vertrieben worden ist. Dem Mann ist es nur mit knapper Not gelungen, seine Bilder vor den Anariffen zu retten. Auch die liebe Jugend beteiligte man nach eigentümlichen Erziehungsgrundsätzen an der Aktion! — Wir, als Kurgäste von Borkum, protestieren gegen dieses ungezogene Vorgehen der hiesigen Antisemiten. Wenn die nach der Insel kommenden Fremden nicht genug Anstand kennen, um sich an einem O>L, wo sie Gastfreundschaft genießen, den Verhältnissen angemessen zu verhalten, so wäre es die Pflicht der Behörden, diesen Ausschreitungen ein Ende zu machen. Das öffentliche Singen des Spottliedes dürften die Gasthofbesitzer nicht dulden, und Gäste, die sich den Vorschriften widersetzen, müßten errucht werden, das Lokal zu verlaffen. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, in maßgebenden Kreisen endlich Interesse für die Sache zu erwecken, damit gegen diesen Unfug wirksam vorgegangen würde. Ooer hat nicht ein Preußenkömg gesagt: „In meinem Lande kann jeder nach seiner F.190N selig werden"? Besonders beachtenswert ist, was auch aus dieser Kundgebung hervorgeht, daß die Vertreter „deutscher Sitte" in Borkum die unreife, erziehungsbedm ftige Jugend zu anliscmitüchen Hetz Zwecken mißbraucht und geradezu organisterr haben. Das „schwarz - weiß - grüne Regiment" ist auch bei dem Bildersturm an der Spitze marschiert und hat um den glänzenden Sieg der Borkumer Antisemiten über den jüdischen Brlderhändler ein hch?s Verdienst. Wie werden sich die in solchem Geiste erzogenen Jünglinge erst um das Vaterland verdient machen, wenn sie in Amt uno Würden sind! Der Gunst hoher Würdenträger dürfen sie sich ichon heule erfreuen, wenigstens zeigt ein in der „Woche"' veröffentlichtes Bild in Gesellschaft der schwarz-weiß-grünen Jungen den