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Im deutschen Reich · 1905-10-01 · Heft 10 (Oktober 1905) · p. 514

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
11 (1905)
Issue
Heft 10 (Oktober 1905)
Article
Konfessionalismus unter den Aerzten
Date
1905-10-01
Page
514 (sequence 4)
Language
German
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514 Im deutschen Reich. beanstandete Vermerk „Christ" neuerdings durch den Zusatz „Katholik oder Protestant" ersetzt worden ist, so ist die Sache selbst, die auf einen Ausschluß der Juden hinausläuft, natürlich dadurch in keiner Weise geändert und kmm weniger auffällig gemacht worden. Es muß zugegeben werden, daß sich der Vorstand des L. V., dem wir keine antisemitischen Tendenzen zutraucn, trotzdem er in dem Eldorado des Antisemitismus, in Sachsen, seinen Sitz hat, in einer schwierigen Lage befindet. Dann müßte es Sache der christlichen Aerzte sein, die doch im Verbände mit ihren jüdischen Kollegen zusammen an gemeinsamen Zielen arbeiten wollen, ihn aus dieser schwierigen Lage zu befreien, indem sie ihre wenig judenfreundlichen Empfindungen hintansetzen und auf den konfessionellen Zusatz verzichten, der für die jüdischen Aerzte die kränkende Empfindung der Boykottierung mit sich bringt. So würde sich ihnen auch Gelegenheit bieten, zu erkennen, auf wie unberechtigten Voraussetzungen oft genug ihr Vorurteil beruht. Die Stimmung der Bevölkerung aber, die für den Justizminister einst auch Veranlassung gab, die jüdischen Richter und Rechtsanwälte zurückzusetzen, sollte keinen maßgebenden Einfluß auf das Denken und Handeln der Aerzte haben, die nach einem berühmten Worte Gladstones „Erzieher des Volkes" sein sollen. Wir halten noch zurück damit, den jüdischen Aerzten den Rat zu erteilen, die Fahne des Verbandes zu verlassen, der aus Einigkeit der Aerzte angewiesen ist, wenn er seine schweren Kämpfe mit Aussicht auf Erfolg durchsühren will. Wenn der Vorstand den ernsten Willen der jüdischen Aerzte erkennt, daß sie an ihre Selbstachtung keine Zumutungen stellen lasten, so wird er seinerseits bemüht sein, der ungerechlfertigtcn Konfesfionalifierung wehr als bisher entgegenzutreten, wo noch nahezu zwei Drittel aller ärztlichen Stellen ausdrücklich den Juden verschlossen werden. Ein konfessioneller Zusatz darf nicht die Regel, sondern höchstens die Ausnahme bilden. Diesen Standpunkt möge der Vorstand seinen Mitgliedern beizubringen bemüht sein — die Gelegenheit dazu bieten ihm die „Aerztl. Mitteilungen", das amtliche Organ, durch das er zu seinen Mitgliedern spricht —, wenn er Wert'', »rauf legt, auch unter den jüdischen Aerzten fernerhin die Unterstützung zu finden, die ihm in reichlichem Maße bisher zuteil geworden ist. Wir glauben, daß wir mit diesem Wunsche der Stimmung zahlreicher jüdischer Aerzte Ausdruck geben und hoffen, daß dieses offene Wort beim Verbandsvorstande eine gute Statt findet. vr. X.

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