Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Dr. F. Pinkus, Studien zur Wirtschaftsstellung der Juden [Rezension]
- Date
- 1905-09-01
- Page
- 504 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316736-2335534--14256-2335617- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
504 Im deutschen Reich. Bei diesen letzten Untersuchungen mußten die Juden in Osteuropa ausgeschaltet werden, weil sich die Wirtschaftssysteme hier nicht wie in den übrigen Ländern gestalteten: „der Kapitalismus ist noch nicht völlig durchgedrungen." Als die Juden in Rußland einwanderten, waren sie auch hier die kapitalistisch überlegene Klasse, nahmen also den Handel für sich als Arbeitsfeld. Eine Vergleichung ihrer heutigen Berussstellung mit der der Russen zeigt, daß sie auch heute noch den Handel vertraten, und auch die Zahlreichen Handwerker sind eigentlich kleine Kapitalisten in ihrem Betriebe. Das GanZe läßt die Winschaftsstellung der Juden als eine kapitalistische erkennen; sie war es, -durch welche es zur raschen Entfaltung des Erwerbsbetriebes in Westeuropa kam." Was der Verf. uns in diesem mit reichem Material versehenen Werke bietet, ist eine geschichtsphilosophische Grundlegung für die Wirtschaftsgeschichte der Juden. Die Tatsache, daß die Juden unter den Völkern Europas den Handel vertraten und zur Blüte brachten, war uns wohl bekannt, nicht aber der Weg, den diese Entwicklung durchschreiten mußte, der oft genug von Dornen eingefaßt war, oft genug durch das Blut von Brüdern gerötet wurde. Eine Fülle von historischen Belegen dient zur Belebung und Erhärtung der Thesen. Und je schwieriger die Aufgabe, je geringer die Vorarbeiten zu dieser Untersuchung waren, destoweniger darf das Lob eingeschränkt werden, daß es dem Verfasser gelungen ist, dem Leser ein Eindringen in einen Gegenstand ermöglicht Zu haben, den er sonst kaum überblicken könnte. In einem Punkte können wir jedoch nicht ganz mit dem Vers, gehen. Die Behauptung, daß die Juden bei der Zerstörung ihrer Selbständigkeit den kapitalistischen Geist retten konnten, dürfte nicht vollständig zu erweisen sein. Eine Hinzuziehung der talmudischen Litteratur dürfte kaum das Vorhandensein kapitalistischer Wirtschaftsweise unter den Juden erkennen lassen. Der Handel, der die Juden ins Ausland führte, ist nicht bedeutend genug gewesen, um einen Rückschluß auf die Gesamtheit der Juden zu gestatten. Damit würde allerdings eine wesentliche Voraussetzung der Untersuchung fallen. Gleichwohl wird diese selbst wenig davon tangiert: sie ist zu gut durch unumstößliche Belege gestützt. Es gälte nur, ein besseres Bindeglied zwischen dem Altertum und dem Mittelalter zu entdecken. Vielleicht begann schon damals ein indirekter Zwang für die Juden, sich zum Kapitalismus zu bekehren, — für den sie infolge alter Kultur vor bereitet genug waren — in der Schwierigkeit des Landerwerbes, des Eintritts ins Handwerk bei einer ihnen fremden Kultur. Wie dem aber auch sei: die Schrift wird in der Wissenschaft nicht unbeachtet