Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Der Kampf der Juden um ihre Emanzipation in Bayern [Rezension]
- Date
- 1905-09-01
- Page
- 498 (sequence 2)
- Language
- German
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498 Im deutschen Reich. Wesentlichen Jrrtume, als sei die Einräumung der bürgerlichen Rechte an die Juden als Ausfluß liberaler Ideen plötzlich wie ein Gestirn am Himmel erschienen, dessen Licht überall hineingeleuchtet hätte. Daß dem nicht so ist, beweisen alle diejenigen Veröffentlichungen, welche die historische Grundlage der Emanzipations-Bestrebungen aktenmäßig darstellen. Einen solchen wertvollen Beitrag bietet die angezeigte Schrift des Bamberger Rabbmers, welche eine Geschichte der Emanzipationsbestrebungen zwar nicht geben will, aber doch durch Veröffentlichung bisher unbekannter Quellen dem künftigen Geschichtsschreiber die Wege ebnet. Das Buch ist für jeden, der sich über die psychologische Seite auch des heutigen Antisemitismus unterrichten will, von außerordentlichem Werte. Aus den veröffentlichten Akten, die im wesentlichen Petitionen von jüdischen Gemeinden und Notabeln enthalten, erhellt zunächst, daß der Gedanke der Emanzipation der Juden selbst bei den sogenannten Libellen in Bayern schwer Fuß faßte, und daß namentlich Gründe wirtschaftlicher Art schon vor beinahe hundert Jahren die Umsetzung der Idee der Freiheit und des Menschenrechtes in die Wirklichkeit erschwerten. Wenn trotzdem die Juden in Bayern ihre Emanzipation wenigstens teilweise bis zur Gründung des deutschen Reiches erreichten, so ist dieser Umstand im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß sie immer und immer wieder mit ihrem Rufe nach Recht an die Ohren der Machthaber zu gelangen wußten. Diese Ruse — das mag namentlich für die heutige Zeit von Wert sein — waren nicht etwa in einer flehentlichen und bittenden Sprache versaßt, die nur von der Gnade und der Barmherzigkeit der Gewalthaber ein Zugeständnis zu erreichen gedachte, sondern schon aus den frühesten Dokumenten spricht das Bewußtsein des Rechtsanspruches und der stets geschehenen treuen Pflichterfüllung. Der Mut, den man heute vielfach bei jüdischen Organisationen vermißt und der nur mit gewiffen Schwierigkeiten wieder zu erwecken versucht wird, ist den Eingaben der jüdischen Gemeinden anfangs und mitte des vorigen Jahrhunderts in solcher Weise eigen, daß schon allein dieser Umstand die Lektüre des Buches verlohnen würdet) Man hat auch, *) Es \}t überhaupt eine völkerpsychologisch interessante Tatsache, daß man vielfach bei einzelnen Individuen im persönlichen Verkehre ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein trifft, das sofort versagt, wenn die betreffenden Einzelnen als Gesamtheit handeln. Während man heute den einzelnen Juden — ob mit Recht oder Unrecht, bleibe hier dahingestellt — eine gewisse Kühnheit im Verkehre nachsagt, wiro man dies über jüdische Korporationen oder Gemeinden gewiß noch nicht gehört haben. Es sei