Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Der Anteil der Juden am Unterrichtswesen in Preußen [Rezension]
- Date
- 1905-06-01
- Page
- 384 (sequence 2)
- Language
- German
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384 Im deutschen Reich. höheren, in welchem an der Hand des Talmuds und seiner Kommentare eigene und eigentliche wissenschaftliche Studien getrieben wurden. Während im Cheder vorwiegend die Kinder der Aermeren unterrichtet wurden, hielten die Wohlhabenden ihren Kindern Hauslehrer, die fast ausschließlich aus Polen stammten. In diesem regellosen Unterrichtssystem, besonders aber in der Unterrichtssprache, dem Jargon, erblickte die Reformbewegung der Mendelssohnschen Zeit eine verderbliche Hemmung der sorlschreitenden Kultur unter den deutschen Juden. Die Gründung moderner Schulen unter Mendelssohns Einfluß und unter dem Gesichtspunkte des von der Aufklärungsperiode aufgestellten Humanitätsideals bereitete jenen Winkelschulen den Garaus, — wo es nötig war, sogar mit Hilfe der Regierungen, welche sich den Kulturbestrebungen der Juden gegenüber wohlwollend verhielten. Die Tendenzen der neuen jüdischen Schulen ließen sich leicht mit den Grundsätzen des Judentums vereinigen, umsomehr als in ihnen der Religionsunterricht einen breiten Raum einnahm, Unter staatlichem Schutze entstanden um die Wende des 18. Jahrhunderts: die jüdische Freischule (heutige jüdische Knabenschule) in Berlin, die Samsonschule in Wolfenbüttel, die Franzschule in Dessau, die Wilhelmsschule in Breslau (beide eingegangen), das Philanthropin in Frankfurt a. M., die Jakobsonschule in Seesen. Hierzu traten im Laufe des 19. Jahrhunderts: die Realschule und höhere Mädchenschule der Israelitischen Religionsgeselljchaft in Frankfurt a. M., die Realschulen in Fürth und in Hamburg, die Lehrerbildungsanstalten in Kassel, Berlin, Münster. Hannover, Würzburg und Köln, endlich die Religionsschulen sowie die Anstalten zur Ausbildung von Rabbinern in Breslau und Berlin (2). Hand in Hand mit der Errichtung neuer zeitgemäßer Schulen ging das Bestreben der Juden, den ihnen verwehrten Zuritt zu den Gymnasien zu erlangen. Während z. B. in Frankfurt a. M. 1789—99 im ganzen 6, 1800—1803 29 jüdische Schüler in das Gymnasium eintraten, stellen bereits 1847 die Israeliten Preußens zu den höheren Schulen ein verhältnismäßig größeres Kontingent als die Christen. Von den Schulgattungen bevorzugen die Juden die höheren vor den Volksschulen: im Jahre 1901 haben nur 43,71% aller jüdischen, aber 92,71 °/„ aller christlichen Schulkinder Volksschulen besucht. Die Juden übertreffen die Christen durch bessere Schulbildung am weitesten in den Provinzen Schlesien und Posen, was darauf zurückzuführen ist, daß die zahlreiche polnische Bevölkerung in diesen Landesteilen ihre Kinder nur in sehr geringem Maße in,höhere Schulen schickt.