Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Litteratur [Rezension]
- Date
- 1905-06-01
- Page
- 379 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316734-2335187--13998-2335292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bücherschau. 879 Das Jahrbuch für jüdische Geschichte und LitLeraLur bedarf keiner Empfehlung mehr. Aus dem Inhalte des neuen Bandes möchte ich hier zunächst auf die trefflichen Ausführungen Hinweisen, welche der Herausgeber Karpeles in der literarischen Jahresrevue der Frage nach dem Begriffe der jüdischen Litteratur gewidmet hat, zu deren besten Kennern er Zählt. lieber diese Frage ist nämlich in der Jewish Quarterly Review im vergangenen Jahre lebhaft diskutiert worden. Von S. Levy wurden daselbst als zur jüdischen Litteratur gehörig nur diejenigen Werke bezeichnet, die, sei es durch Juden oder durch Nichtjuden, in hebräischer Sprache über welchen Gegenstand auch immer geschrieben sind. Dagegen haben Bacher und Wolf in jener englischen Zeitschrift und nun auch Karpeles im Jahrbuche ausgeführt, daß diese Definition zu vielen Absurditäten führen würde. Mit Recht schließt Karpeles die einschlägigen Betrachtungen mit den Worten: „Die jüdische Litteratur ist nichts anderes als Litteratur der Juden, insoweit in ihr die geistigen Bestrebungen und geistigen Richtungen der Bekenner des Judentums als solche und Angehörige der jüdischen Gemeinschaft zum Ausdruck gelangen." In der Tat ist eben jene Meinungsverschüdenheit durch eine Verwechselung von jüdischer und hebräischer Litteratur hervorgerusen. Wenn aber im 13. Jahrhundert ein Schriftsteller Tanchum Jeruschalmi ausdrücklich erklärt: „Wir sind eine Nation ohne eigene Sprache", so ist das für jene Zeit ebenso zutreffend, wie verkehrt für die Gegenwart. Leider fehlt es heute nicht an antisemitischen Litteraten, welche moderne Werke, die garnichts mit dem Judentum zu tun haben, der Konfession und Abstammung ihrer Verfasser wegen von der deutschen Litteratur ansschüeßen wollen. Mit demselben R chte könnten sie die Gedichte des trefflichen Chamiffo, die bekanntlich zu den herrlichsten Erzeugnissen der deutschen Litteratur gehören, zu der französischen rechnen. Auch ein Kenner wie Mommsen sagt: „Alle hervorragenden Arbeiten, die von Juden der Neuzeit herrühren, stehen innerhalb der Litteraturkreise derjenigen Nation, welcher eben dieser Jude angedört. Aber auch die übrigen jüdischen deutschen Dichter oder Romanschreiöer, mögen sie trefflich, mittelmäßig oder widerwärtig sein, stehen mitten im deutschen litterarischen Leben." Eine andere litterarische Debatte, über welche Kameles sehr lesenswerte Mitteilungen gibt, betrifft den Bibel—Babel-Streit; durch Delitzsch's neueste Schrift: „Rückblick und Ausblick aus Bibel und Babel" wurde er wieder angefacht. Im verflossenen Jahre sind nicht weniger als 30 Schriften gegen Delitzsch erschienen, während nur etwa 4 oder 5 für ihn eintreten. Jedenfalls steht nach Karpeles „unter den Kämpfern für und gegen Delitzsch die Tatsache so ziemlich