Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- München
- Date
- 1905-06-01
- Page
- 370 (sequence 4)
- Language
- German
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370 Im deutschen Reich. am 19. Mai in der „Blüte" tagende Versammlung Münchener freier Studenten mißbilligt den Beschluß des Beirats vom 15. Mai: „Der Beirat der Münchener Freien Studentenschaft hält es für unangebracht, daß Juden im Ausschuß sind", und ersucht diejenigen Herren, die damit nicht einverstanden sind, daraus ihre Konsequenzen zu ziehen." Cand. Heyden, Vorsitzender der Münchener Freien Studentenschaft: „Wir werden den Kampf bis aufs Meffer führen. Sie mögen beschließen, was Sie wollen; wir werden Ihnen zeigen, daß wir mehr als 98 sind." Zuletzt wurde beschlossen, eine Kommission zu bestimmen zu Verhandlungen mit dem Beirat zum Zweck der Beilegung der Zwistigkeiten in der Freien Studentenschaft. Der Kommission gehören zehn Mitglieder an, von denen je fünf den Freunden und Gegnern der heutigen Resolution entnommen sind. Im Februarheft dieser Zeitschrift (S. 105) wurde berichtet, daß die von dem Berliner Arzt Di\ Siegmund Lachmann gegen den verantwortlichen Redakteur des Münchener Witzblattes „Grobian" angestrengte Klage zur Verurteilung des Redakteurs Leib zu 50 Mark Geldstrafe oder zehn Tagen Gefängnis und Tragung der Kosten geführt habe. Die Kosten sind aber von Herrn Leib nicht einzutreiben gewesen; er hat vielmehr auf Verlangen den Offendarungseid geleistet. Der Wert der mit einer hinreichenden scharfen Begründung erfolgten Verurteilung sowie die Veröffentlichung des Urteils in der Wochenschrift des Beklagten wiegt dm Ausfall des Kostenbetrages sicher auf. Das „Manifestieren" ist selbst für „Grobian"-Redakteure kein Vergnügen. Kaum aus der Strafhaft entlassen, wurde Herr Leib wieder für eine Beleidigung des Redakteurs des Bayer. Kuriers, den er beschuldgte, „von Judenaeld bestochen" zu sein, zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Auf diese Weise werden ihm wohl die schlechten Witze vergehen, und gute versteht er nicht zu machen! 0 Karlsruhe i V., 1. Juni. Vor wenigen Tagen ist auf dem hiesigen israelitischen Friedhofe vr. Moritz Ellstätter bestattet worden, der es in einem deutschen Staate einst bis zum Finanzminister und Bundesbevollmachlizten gebracht hat, ohne sein jüdisches Bekenntnis zu verleugnen. Am 11. März 1827 hier als Sohn des Möbelhändlers David Ellstätter und dessen Ehefrau Fanni geb. Reutlinger, geboren, wurde er nach vollendeten Studien 1850 Rechtspraktikant und bald darauf im Großh. Finanzministerium im Rechtsreserat beschäftigt. 1854 zum Referendar ernannt, konnte er längere Zeit die Erlaubnis zur Ausübung der Anwaltschaft nicht erlangen, weshalb er sich 1856 entschloß, in ein Berliner Bankinstitut als Syndikus einzutreien