Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-06-01
- Page
- 345 (sequence 1)
- Language
- German
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Umschau. 345 Dlmfcha«. enn die geistesarwe deutsche Antisemiten presse mit ihrem Latein zu Ende ist, geht sie gewöhnlich in's Auslands um neuen Stoff für ihre sensationslüsterne Anhängerschaft zu entlehnen. Sie brüstet sich zwar beständig mit ihrer „nationalen" Gesinnung, kann sich aber von dem internationalen Charakter des Judenhasses nicht lossagen, der ihr Lebenselement ist. Sie hausiert bald bei den czechischen Ritualmordmärchen-Erfindern, bald bei den fanatischen Dorfpopen und bei schlechtbesolderm Subalternbeamten Rußlands, die sich nur durch Trinkgelder oder Plünderungen der Judenläden über Waffer halten können, oder auch bei den Mitgliedern der deutschfeindlichen französischen Patriotenliga, denen ebenso wie den ruffischen Antisemiten nicht nur jeder Jude als Deutscher, sondern auch jeder Deutscher als Jude gilt, solange er sich nicht als Antisemit strengster Observanz legitimiert. Bekanntlich ist seiner Zeit das Trauerspiel in Könitz genau nach dem Vorbilde des Polnaer Dramas veranstaltet worden und hat fast keine einzige Szene enthalten, die auf einen neuen Gedanken zurückzuführen wäre. Zeitweise begeisterten sich unsere deutschen Antisemiten auch für den ..christlich-sozialen" Wiener Volkstribunen Car! Lueger, der den .Sozialismus der dummen Kerle von Wien" geschickt zu benutzen verstand, um sich trotz des Wider strebms der Regierung den Zugang zum höchsten Sitz seiner Vaterstadt zu erzwingen, dann aber unter Anleitung seiner geistlichen Gönner sich zu einem gern gesehenen Gast in der Wiener Hofburg geschickt umzuwandeln wußte. Seit dieser kühnen Schwenkung ist der Lueger-Enthusiasmus der deutschen Antisemiten abgekühlt worden; besonders hat es sie verschnupft, daß der ehemalige Raffeantisennt Carl Lueger den getauften Juden Dr. Carl Porzer zum Wiener Vizebürgermeister machte und dies dadurch ermöglichte, daß er den aussichts vollsten Gegenkandidaten Steiner durch Verleihung der einträglichen Stelle eines Oöerprokurators der Landes-Hypothekenanftalt zum Verzicht auf die Kandidatur veranlaßte. Das Treiben der Wiener Antisemiten und das Verhalten Luegers ist am besten in einer Schrift des Landtags-Abgeordneten Schöffel gekennzeichnet worden, in der dieser antisemitische Volksvertreter sich selbst zu dem Bekenntnis herbeiläßt: „Der Führer der antisemitischen Partei sah sich von vielen geistig inferioren, moralisch wurmstichigen, nach Siegesbeute lüsternen Elementen umringt,