Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Das Lehrlingsheim Pankow im Jahre 1904
- Date
- 1905-06-01
- Page
- 344 (sequence 3)
- Language
- German
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344 3m deutschen Reich. ein schönes Stück kultureller Arbeit geleistet, und der Kulturhistoriker späterer Tage wird, wenn die Juden auch auf diesem Gebiete ihre Tüchtigkeit bewiesen haben werden, den Wert dieser Anstalten gewiß nicht leicht überschätzen können. In erster Reihe steht hier das Lehrlingsheim der Reichszentrale zu Pankow. Der Rechenschaftsbericht für 1904 legt durch beweiskräftige Zahlen dar, daß der Rahmen seiner Tätigkeit sich immer weiter ausdehnt. Seit der Eröffnung der Anstalt vor noch nicht IV2 Jahrzehmen mit einer Belegschaft, die durch eine einstellige Ziffer dargestellt werden konnte, ist die Zahl der Pfleglinge aus 47 gestiegen. Und trotz dieser Erhöhung des Bestandes genügt die Anstalt durchaus nicht den stets zahlreicher werdenden Anträgen um Ausnahme. Von 41 Meldungen konnten nur 14, also nur V3 aller Gesuche berücksichtigt werden. Es ist ein mederdröckender Gedanke, daß V3 der Bittsteller abgewiesen werden mußten. Das bedeutet nichts anderes, als daß in diesem Jahre allein 27 jungen Menschen die Wohltat einer geregelten Erziehung, gediegener handwerklicher und allgemeiner Ausbildung, physischer und intellektueller Fürsorge versagt werden mußte. Was wird nun aus diesen Jünglingen, die ohne Aufsicht und ohne Wegweiser, ohne leibliche und geistige Förderung so leicht auf einen falschen Weg geraten können, der sie der Gefahr aussetzt, dem Proletariat in die Arme getrieben zu werden, vor der sie durch Stählung und technische Weiterbildung bewahrt werden sollen? Ein weiter Blick bekundet sich in der Forderung, daß alle Lehrlinge sich an dem Fach- und Fortbildungsunterricht beteiligen müssen. Eine große Schar von trefflich ausgebildeten Handwerkern hat die Anstalt schon verlassen, die ihrem Berufe nicht nur treu bleiben, sondern ihrem Gewerbe auch Ehre machen, was mannigfache Auszeichnungen ehemaliger Zöglinge für tüchtige Leistungen beweisen. Die körperliche Arbeit hat also für unsere Glaubensgenossen nichts Abschreckendes und Beklemmendes'; die erwähnten Tatsachen tun dar, daß sie eine wachsende Anziehungskraft besitzt und nur die geringen Mitte! es verbieten, die Aufnahmelustigen alle in ihrem Banne festznhalten. Aus diesen durch Ziffern erhärteten Erwägungen erhellt die Notwendigkeit, das Institut so auszugestalten, daß es seiner Bestimmung mehr als bisher gerecht werden kann und eine Waffe zur Bekämpfung sozialer und politischer Mißstände werde.