Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Ihr sollt an meinem Wort nicht drehn noch deuteln
- Date
- 1905-05-01
- Page
- 271 (sequence 4)
- Language
- German
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Auge um Auge, Zahn um Zahn. 271 ihrer Taten zu bekennen, auf das Verstecken spiel, das man mit der Wahrheit treibt und das sich — „mangelnde Qualifikation" nennt. Emst galt in deutschen Landen, An jedem fernsten Ort, Wo deutscher Sinn vorhanden Der Spruch: Ein Mann — ein Wort! Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ein weiterer Beitrag.') es heute vielen Juden schwer fällt, sich vorzustellen, daß IHsH die Rechtsvorschrift .Auge um Auge, Zahn um Zahn" nicht bloß als drastisch übertriebene Warnung gegeben, sondern zur Ausführung bestimmt gewesen und gelangt sei, so zeigt diese Ansicht, wie fern dem Rechtsgefühl und dem sittlichen Bewußtsein der heutigen Juden Anschauungen der Vergangenheit liegen, für die man, wo immer sie sich als mit denen des „aufgeklärten" 20. Jahrhunderts unvereinbar erweisen, die Juden der Gegenwart verantwortlich machen möchte, als hätte es bei ihnen nie eine Entwicklung gegeben; aber die Ansicht ist unrichtig. Man nimmt nicht an dem Gedanken der Wiedervergeltung überhaupt Anstoß, überläßt vielmehr die Erörterung dieser Frage, wie billig, den Juristen und Philosophen, die eine umfangreiche Litteratur darüber zusammengeschrieben haben; man nimmt ja auch an der Todesstrafe (vgl. Jahrg. 1904, S. 586) und anderen Erscheinungen des Talionsprinzips, nach welchem Gleiches mit Gleichem vergolten wird, im geltenden Strafrechte keinen (sittlichen) Anstoß. Wohl aber fühlt man sich von der Grausamkeit des Satzes abzestcßeu. Allein man erinnere sich, welche uns entsetzlich erscheinende .Roheit im Strafvollzüge und bei der Vorbereitung des Urteils (Folterung!) noch weit über das Mittelalter hinaus, ja bis zum 19. Jahrhundert geherrscht hat, und wie oft die deutsche Geschichte von der Blendung des Gegners erzählt, — das Ausstechen der Augen ist als Strafe in Nürnberg bis ins 16. Jahrhundert hinein oft vorgekommen, — und man wird es sehr wohl begreiflich finden, daß jener Satz bei den Juden in einer Zeit verwirklicht wurde, die man getrost in die Anfänge der jüdischen Geschichte verlegen kann und die vielleicht weit älter ist, als jene, in der die vielen humanen, *) Jahrg. 1904, S. 583 ff.