Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Der sprachlose Justizminister
- Date
- 1905-04-01
- Page
- 207 (sequence 8)
- Language
- German
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Wie Rii'Mmord-Mürchen gedichtet werden. 207 Hause sein, die den Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz gewahrt wissen wollen, auf dessen Verwirklichung in der Justizverwaltung zu dringen. In der Justiz muß das Recht herrschen." --2K Wie Witualmord-Wärchen gedichtet werden. Ms uch in diesem Jahre haben die antisemitischen Ritnalmord-Erfinder bei dem Herannahen des Osterfestes unaufgeklärte Todesfälle von Kindern oder das zeitweilige Verschwinden kleiner Ausreißer zur Auffrischung des uralten Pöbelwahus zu verwerten gesucht, der schon vor Jahrhunderten unschuldige Menschen in's Elend gestürzt hat und wohl nur deshalb von der Volksaufklärung nie ganz verdrängt und bis in die neueste Zeit wirksam geblieben ist, weil er ebenso wie der Glaube an Hexen und Gespenster stets eine Handhabe für Votksaufwiegler gebildet hat und heu'.e noch bildet. Die Tatsache, daß solches Unwesen sogar in unserer Zeit unmittelbar vor den Toren der deutschen Reichshauptstadt getrieben werden kann, ist für jeden, der die deutsche Volksbildung schätzt, beschämend; aber es lohnt wirtlich einen Blick in die Hexenküche zu werfen, in der solche Tränkchen gebraut werden; es lohnt, aus kleinen Ausschnitten ans einem Antisemitenblati kennen zu lernen, wie Ritualmord-Märchen gedichtet werden. Die nachfolgenden Zeilen, die wörtlich der „unbestechlich völkischen" Tageszeitung „Deutsche Hochwacht" entnommen sind, zeigen, wie die böse Saat erst vorsichtig ausgestreut wird und nach und nach als „Judenhetze" üppig aufgeht: Deutsche Hochwacht vom 12. Februar 1905. „Frühjahrsbeute? Der Arbeirersohn Gerhard Behrens, ein siebenjähriges, auffallend gesund ausschendes Kind aus Karlshorst, ist vor kurzem spurlos verschwunden. Es ist bisher noch keine Spur gefunden worden, obgleich die Ortsgendarmerie eingehende Nachforschungen angestellt hat. Den Angaben der Spielkameraden des Behrens, die bestimmt behaupten, daß der Kleine mit drei Männern in der Richtung nach Rummelsbnrg sortgcgangen sei, steht die Behörde sonderbarerweise skeptisch gegenüber. Ein Lustmord scheint nicht beabsichtigt zu sein, da Lustmorde fast stets von einzelnen begangen werden. Es muß aber eine Interessengemeinschaft der drei Entführer vorhanden sein. Jedenfalls ist dringend zu verlangen, daß die Polizei die Angaben der Spielkameraden des Kleinen nicht