Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Judentum und Christentum
- Date
- 1905-03-01
- Page
- 144 (sequence 1)
- Language
- German
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144 3« deutschen Reich. Judentum und Khristentum. Sechten wir vielleicht noch vor wenigen Jahren bei einer Vergleichung der jüdischen Moral mit der des Christentums zu der Meinung gelangen, daß wenigstens in den wesentlichen Punkten eine Übereinstimmung wahrzunehmen sei, so belehrte uns das Erscheinen von Harnack's „Wesendes Christentums" darüber, daß diese Auffassung irrig war. Zwar gibt Harnack auf die Frage, „was enthält denn diese (Jesu) Verkündigung überhaupt Neues, was nicht im Judentum schon früher ausgesprochen wäre (§.27)?" die Antwort: „Das war der Eindruck, den seine Jünger von ihm gewannen (§. 31)," und damit scheint er zuzugeben, daß der Kern des Christentums in einer schärferen Betonung jüdischer Lehren zu finden sei; aber wir brauchen nur seine Darstellung der Predigt Jesu zu betrachten, um auf den ersten Blick den entschiedenen Gegensatz zu finden, in den er den Gedankenkreis dieser Predigt zu den Lehren des Judentums stellt. Geht er doch sogar soweit, auszuru^en: „Suchen Sie iw der ganzm Religionsgeschickte des Volkes Jsra l, suchen Sie in der Geschichte überhaupt, wo eine Botschaft von Gott und vom Guten so rein und so ernst — denn Reinheit und Ernst gehören zusammen — gewesen ist, wie wir sie hier hören und lesen (S. 31)," ohne den Widerspruch zu sich selbst zu beachten, da er wenige Zeilen weiter Aussprüche „pharisäischer Lehrer" so herrlich nennt, daß sie aus dem Munde Jesu stammen könnten! Dieses eine Beispiel aber zeigt zugleich, eine wie ungerechte Beurteilung das Judentum im Munde des christlichen Gelehrten erfuhr. Da ist es denn nicht nur nützlich, sondern auch notwendig, diese gewissenhaft zu prüfen, ihre Ungerechtigkeiten aufzudecken und der Darstellung des „Wesens des Christentums^ eine solche des „Wesens des Judentums" gegenüberzustellen, damit nicht das Schweigen als Zugestehen ausgelegt werden könne, aber auch Gelegenheit geschaffen werde, das Judentum kennen zu lernen. Nach kürzeren Behandlungen sind nunmehr auch über beide Gegenstände eingehende Untersuchungen erschienen^), die ersten Schriften der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums", vr. Joseph Eschelbacher *) Dr. Joseph Eschelbacher, Das Judentum und das Wesen des Christentums. Berlin 1905. Verlag von M. Poppeläuer. vr. Leo Bäck, Das Wesen des Judentums. Berlin 1905. Verlag von Nathansen & Lamm.