Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-02-01
- Page
- 81 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316730--13431-2334630- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
81 Umschau. ist ein ziemlich verbrauchter Schachzug politischer Opposttions- Parteien, die Ungunst der Verhältnisse dadurch zu verwinden, daß sie für einen künftigen Aufschwung der von ihnen vertretenen Sache frühzeitig Fürsorge zu treffen versuchen. In den meisten Fällen wird dies von den zeitweiligen Machthabern sehr übel vermerkt, so daß die Zukunftspolitiker durch ihre Afterweisheit ihre Sache nur noch mehr schädigen. Das Umwerben der Kronprinzen ist in der preußischen Geschichte mehrfach zu verzeichnen gewesen; das trefflichste Zeugnis für den gesunden Sinn der Hohenzollern ist es aber, daß stets die Träger der Krone nach ihrer Thronbesteigung alle Hoffnungen zu Schanden machten, welche die Gegner ihrer Vorgänger auf sie gesetzt hatten. Friedrich der Große war als König ein völlig gereifter Mann, der kaum noch an seine schwärmerische Kronprinzenzeit in Rheinsberg erinnerte, sondern es seinem strengen Vater Dank wußte, daß er ihm ein starkes Heer und einen gefüllten Staatsschatz hinterlaffen und ihn selbst von den nicht ganz einwandsfreien Genoffen seiner Jugend rechtzeitig losgelöst hatte. Ein näher liegendes Beispiel bildet der prinzliche Besuch der Waldersee -Versammlung, der vor 18 Jahren die kühnsten Hoffnungen bei den antisemitischen Kreisen Stöckers erweckte und zunächst auch wirklich dazu diente, deflen Anhang zu vermehren, weil die Leiter der Berliner Bewegung sich beeilten, den Thronfolger überall als ihren Gesinnungsgenossen hinzusteüen. Das plumpe Manöver scheiterte aber an dem geraden Sinn des inzwischen zur Regierung gelangten Kaisers, der in der berühmten Depesche an den Freiherrn von Stumm im Mai 1896 das Netz durch die bündige Erklärung zerriß: »Stöcker endigte, wie ich vor Jahren vorautsah. Politische Pastoren sind ein Unding. Wer Christ ist, ist auch sozial; christlich-sozial ist Unsinn und führt zu Selbstüberhebung und Unduldsamkeit; beides Christentum zuwiderlaufend. Herren Pastoren ollen um Seelenheil kümmern, Nächstenliebe pflegen, aber Politik aus Spiel lassen, dieweil sie das garnichts angeht." Der scharfe Blick des Prinzen Wilhelm hatte wohl schon damals erkannt, daß man ihn nicht nur wegen der Berliner Stadtmisfion zu den Waldersee-Versammlungen geladen hatte. Es bedurfte weder des