Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-01-01
- Page
- 46 (sequence 1)
- Language
- German
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46 Zm deutschen Reich. Uersinsnachrichtr». Trotz des ungünstigen Wetters war die am 3. Januar in den „Vismarck-Sälen", Berlin C., Neue Grünstr. 28, veranstaltete Versammlung der Central-Vereins-Gruppe Centruw sehr gut besucht. Der Vorsitzende des Gruppenvorstands, Herr Rechtsanwalt Di*. I. Brodnitz, eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in welcher die Bedeutung der Gruppenversammlungen für die Vereinssache erläutert wurde, und erteilte dann Herrn Rabbiner Dr. Ph. Schönberger aus Nordhausen das Wort zu einem Vortrage über „Moritz Oppenheim und seine Schöpfungen, ein Protest gegen den Antisemitismus." Der Redner leitete seinen Vortrag mit einer Schilderung der Zeit ein, in welcher der Sturm der französischen Revolution die Ghettomauern niederriß und damit innerhalb der jüdischen Gemeinschaft einen wilden Kampf zwischen den Anhängern der alten Traditionen und den neuen freiheitlichen Anschauungen entfesselte. In dieser Zeit habe ein jüdischer Künstler, Moritz Oppenheim, durch sein Wesen und seine Werke gezeigt, wie man durch Pietät und Treue, Charakterfestigkeit, freie Gesinnung und Vorurteilslosigkeit das Alte mit dem Neuen versöhnen, Freund und Feind Achtung einflößen und mutvoll sich gegen äußere Feinde auflehnen könne, welche den Juden die Menschenrechte mißgönnen und vorzuenthalten versuchen. Der Vortragende zeichnete in ebenso anschaulicher als interessanter Weise den Lebensgang des Künstlers, der in früher Jugend in dem Schlosse gräflicher Gönner sich als glaubenstreuer Jude so bewährt hat, daß sein Verhalten damals schon einen Protest gegen den sogenannten „vornehmen Antisemitismus" darsteüte, bei dem das ererbte Vorurteil sonst wohlwollende Leute unfähig macht, den Juden volle Gerechtigkeit zu gewähren. In Rom, wo ein aufgeklärter Künstlerkreis Oppenheim freundlich aufnahm, obgleich er niemals den Juden verleugnete, trat dem hochbegabten jungen Maler doch bei einer Preisbewerbung das konfessionelle Vorurteil kränkend entgegen. Das Richterkollegium wollte dem „ausländischen Juden" auf sein von Thorwaldsen warm empfohlenes Bild „Der verlorene Sohn" nur den halben Preis gewähren. Der als ein Protest gegen den Antisemitismus in der Kunst erscheinende vollständige Verzicht Oppenheims wurde von Thorwaldfen gebilligt, der das Bild für sich erwarb, das heute noch eine Zierde des Thorwaldsen-Museums bildet.