Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Wien
- Date
- 1905-01-01
- Page
- 45 (sequence 3)
- Language
- German
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Korrespondenzen. 45 Sinn der alten Burschenschafter geblieben, wo der sittliche Ernst, der Freimut, die Vaterlandsliebe, der ideale Flug des vormärzlichen Burschentums? Welch eine Unsumme von Jugendkraft wird in blöden Nichtigkeiten, undeutschen Modeflrereien und jungenhaftem Wichtigtun vergeudet! Wie wenig Zeit der Erbauung am deutschen Geiste gewidmet!" — Herr Lauterer sucht das Uebel, übersieht aber, daß der Antisemitismus es mit verursacht oder mindestens verschlimmert hat, jedenfalls aber nicht geeignet war, dem Deutschtum aufzuhelfen, da er von dem edelsten deutschen Kaiser wohl nicht ohne Grund als „die Schmach des Jahrhunderts" beurteilt wurde. -ft Petersburg» 6. Januar. An den Minister des Innern sandten jüdische Rekruten nachstehendes Telegramm: „Wir, die Rekruten aus dem Bezirke Kowel, die wir hier in der erdrückenden Lust des Polizeigefängnisses ersticken, bitten Ew. Excellenz uns vor Demütigung, Schande und Leiden zu retten. Wir kamen freiwillig, um die geheiligte Bürgerpflicht des Militärdienstes zu erfüllen. Direkt aus dem Raum des Militärausschusses hinweg wurden wir, wie Gefangene, unter bewaffnetem Geleit, zur Polizeistation geschafft. Wir sind hier in einem kleinen, düsteren, dunstigen Raum eingeschlossen, der von Ungeziefer verpestet ist, und werden in jeder Beziehung wie verruchte Verbrecher behandelt. Weshalb? Wegen welcher Verbrechen? Muffen Männer, die zur Verteidigung ihres Vaterlandes herangeholt werden, erst die teuflischen Qualen physischer und moralischer Demütigung durchmachen? Der Vorsitzende des Militärausschusses und der Polizeihauptmann verletzen zum Schaden der jüdischen Rekruten das Gesetz, indem sie unmögliche und unerhörte Dinge verlangen und Gewalttaten gegen die Person begehen. Im Namen des Gesetzes und der Menschlichkeit befehlen Sie unsere Freilassung aus dem Gefängnis und stellen Sie uns unter einen militärischen Befehlshaber." — In dem Homel-Prozesse haben nach zehnwöchigem Kampfe sämtliche Verteidiger der jüdischen Angeklagten ibr Amt niedergelegt, weil fortwährende Unterdrückungen seitens des Gerichtshofes chnen eine weitere pflichttreue Teilnahme an dem Prozeß zur Unmöglichkeit machten. Die Angeklagten verzichteten auf die amtlichen Verteidiger. Die Gerichtsverhandlung wurde deshalb vertagt.