Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Juden in Rio Grande do Sul
- Date
- 1905-01-01
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Juden in Rio Grande do Sul. 15 und Uebersehung dem Herrn Arthur Lewin (im Hause unserer treuen Vereinsmitglieder Krause & (So.) in Pernambuco: Noch immer irren zahlreiche Israeliten im Weltall umher. Es ist fast unerklärlich, daß sie nach Jahren des Nomadenlebens voll Prüfungen nicht den religiösen Überlieferungen, welche ihnen Haß zugewgen, entsagt, oder daß das alte, blöde Vorurteil sich verflüchtigt und die schimpfliche Unduldsamkeit ihre Macht verloren hat. — Heute wie im Mätelalter werden die Juden vielfach als die Parias der Menschheit angesehen; sie werden immer in die Ferne verschlagen, wenn Könige und Völker den Sturmwind des Hasses über ihre Wohnstätten hinwegbrausen lassen. Sie besinden sich in einem ewigen Belagerungszustand. Ihr Leben, Eigentum und ihre Ehre sind den Launen der Machthaber und Völker preisgegeben. Es nützt ihnen selbst nichts, wenn sie, wie Drcyfus, die Uniform französischer Ossiziere anlegen. Ost macht ihr Reichtum sie als Geldleiher sür Könige, die sich in Verlegenheit befinden, gezwungener Weise erträglich. Wenn sich nn kolossales Vermögen in den Händen einer einzigen Familie, wie Rothschild, vereinigt hat, fragt man nicht nach dem jüdischen Glauben der Verleiher. Fürsten erscheinen wie andere Kunden in den Bureaus dieser Familie, um Geld für ein großes Unternehmen zu erlangen, oder um ein Loch im Budget ihres Staates zuzustopfen. Frankreich, welches für viele Jahre, als der Fackelträger der Zivilisation galt, lieferte vor nicht langer Zeit das bedauernswerte Schauspiel religiöser Unduldsamkeit, indem es bei der Dreyfusaffäre, unter Führung eines Rochefort's und anderer Größen der Pariser Presse Dinge vollführte, die an die barbarischen mittelalterlichen Judenverfolgungen erinnern. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß sein Verbündeter, das automatische Rußland, den Antisemitismus mit mittelalterlicher Schärfe pflegt. Durch solche Verfolgungen werden die russischen Juden gezwungen, die Länder des Zaren zu verlassen und in großen Mengen nach Amerika auszuwandern. Dem Staate Rio Grande do Sul war es infolge eines Vertrages feiner Regierung mit einer deutschen Schiffahrtsgesellschaft Vorbehalten, einen Teil dieser Schiffbrüchigen des Lebens aufzunehmen. Wir wohnten im hiesigen Hasen der Ausschiffung einer Anzahl dieser Unglücklichen bei. Unter den Zahlreichen Flüchtlingen sahen wir keinen einzigen Jüngling, nur ältere Männer, Frauen und Kinder. Die waffenfähigen Leute waren für die Schlachtbank im äußersten Osten festgehalten worden. Die Einwanderer wurden in zwei großen Dampf-