Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-12-01
- Page
- 665 (sequence 13)
- Language
- German
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Umschau. 065 nicht wiedergewählt, weil sie nicht der antisemitischen Partei zugehören." Der Ausfall der Wahl ist durch diese Kritik nicht bedeutend beeinflußt worden, indessen fällt kein Baum auf einen Hieb. Daß auch in Leipzig die Nationalliberalen sich entschließen wollen, „die antisemitischen Belleitäten zu beschneiden und durch Heranziehung von Israeliten mit zuverlässig nationalem Empfinden die vielen nichtradikalen Elemente jüdischer Religion zur Mitarbeit zu veranlassen", wird in einem Artikel des „Leipziger Tageblatts" unverblümt ausgesprochen. Es druckt dabei einen Brief eines angesehenen jüdischen Leipziger Bürgers ab, in dem auf den im „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" von Herrn Professor Dr. Philippson in Berlin gehaltenen Vortrag und insbesondere auf die nachstehenden Sätze verwiesen wird: „Die jüdische Lehre schreibt den Juden auch in der Zerstreuung unter den Völkern Vaterlandsliebe, Königstreue und Unterordnung unter die Staatsgesetze streng vor. In dem von antisemitischer Seite so heftig angefeindeten Talmud heißt es: „Das Gesetz des Landes, in dem du lebst, sei auch dein Gesetz!" Es ist Tatsache und bemerkenswert, daß die Zahl der Juden, die in England, Italien. Frankreich und Amerika zu den Sozialisten schwören, verschwindend ist. Wie schon ihr 8l?00 jähriges Festhalten an der angestammten Religion beweist, find die Juden in ihrem innersten Wesen konservativ oder gemäßigt liberal." Dazu bemerkt das Organ der Leipziger Nationalliberalen: „Daß die Juden auch die Fehler ihrer Vorzüge haben und häufig genug durch Verständnislosigkeit für traditionelle Gefühle Anderer anstoßen, ist sicher. Aber ebenso gewiß ist es auch, daß durch ihre Isolierung derartige Neigungen verstärkt und nicht behoben werden, und daß Gründe genug vorliegen, Gründe der Staatsraison sogar im besten Sinne, den Juden die staatsbürgerliche positive Mitarbeit nicht zu verleiden." Wenn sich die Anzeichen eines solchen Umschwungs der Gesinnung bereits im deutschen Eldorado der Antisemiten kundgeben, dann darf man die Hoffnung nicht aufgeben, daß auch jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle nach und nach die Morgenröte einer mchtantisemitischen Aera anbrechen werde. In Oesterreich haben die Deutschen vielfach den Juden die staatsbürgerliche Mitarbeit nicht nur verleidet,, sondern ganz unmöglich gemacht; den Nutzen batten davon nur die Czechen und die Polen. Das sehen bereits viele österreichische Antisemiten ein, daß sie durch ihren Judenhaß sich selbst in das ezechrsche Joch gespannt haben. An die Stelle des Erzbischofs Dr. Kohn, den man aus Oesterreich verdrängte, weil man ihm das furchtbare