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Im deutschen Reich · 1904-12-01 · Heft 12 (Dezember 1904) · p. 661

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
10 (1904)
Issue
Heft 12 (Dezember 1904)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1904-12-01
Page
661 (sequence 9)
Language
German
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Umschau. 661 entschuldigen keineswegs die Annahme des „vollkommen zurechnungsfähigen" Grafen Pückler, als Edelmann über dem Gesetz zu stehen und sich über die „Kerle von Moabit* lustig machen zu dürfen, über unabhängige Richter, die den Herrn Grafen selbst als Angeklagten gewiß respektvoll genug behandelt haben. Solche Zustände sind auf die Dauer doch unhaltbar, aber es verdient für alle Zeilen festgestellt zu werden, daß es die judenfeindtichen Agitatoren waren, welche diese Zustände h.'rbciführten und ihre lange Fortdauer ermöglichten. Das Wohl und Wehe des Mittelstandes, für den sie zu kämpfen vorgeben, ist ihnen herzlich gleichgiltig, wenn sie bei Uescm Kampf nicht gleichzeitig ihrem fanatischen Judenhaß fröhnen können. Wer dabei nicht mittut, wird von ihnen in den Bann getan. Es gab eine Zeit, in der der damals junge Berliner Jurist vn. Heutig dem Antisemitismus nicht fern stand, der aber bei ihm, wie dies auch bei manchen andern christlichen Juristen der Fall gewesen ist, nur einen Durchgangspunkt zu einer gelauterten politischen Anschauung bildete. Vom freisinnigen Regenten des Herzogtums Koburg und Gotha zum Staatsminister ernannt, verwaltete er sein Amt in so volkstümlicher und gesinnungstüchliger Weise, daß sein Rücktritt fast allgemein bedauert wurde, als er in einer rein materiellen Frage, der Domäncnteilung im Herzogtum Gotha, sein Entlasiungsgefuch einreichte, das vom Regenten offenbar sehr ungern genehmigt wurde. Rur die Antisemiten, die dem früheren Gesinnungsgenossen nicht vergeben konnten, daß er als Minister nicht ihre Geschäfte besorgt hatte, konnten es sich nicht versagen, dem Löwen von Gotha den Eselstritt zu geben. Die „Staatsbürger Zeitung" schreibt: „Die Nachlicht kommt uns nicht unerwartet, und wir können sie auch nicht bedauern. Der leitende Minister eines monarchischen Staates, der sich, wie Dr. Heutig, fast ausschließlich auf die Sozialdemokraten stützt, muß seine Regierung schließlich in einen Konflikt mit der Krone bringen und seine Stellung unhaltbar machen." Hätte sich Di\ Hentig in Gotha auf „Imponderabilien" gestützt, dann würden ihm Bruhn und Genossen Lorbeerkcänze winden; aber er erstrebte Besseres, „er weiß zu geh'n, wo keine Ehre mehr zu holen ist!" Zu den Politikern, die sich von der antisemitischen Partei zu dem „Bunde der Landwirte" hinüber gerettet haben, gehört auch Herr Rechtsanwalt Ulrich, der jetzt die Berliner O.tsgruppe des Bundes leitet und dabei nicht nötig hat, viel von den früheren Grundsätzen abzustreifen, weil der Bund in Bezug auf antisemitische Aspirationen und auf oppositionelle Haltung sich von den Antisemiten Liebermann'- scher Observanz kaum noch unterscheidet und es auch nicht verschmäht,

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