Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- Reinliche Scheidung
- Date
- 1904-12-01
- Page
- 647 (sequence 1)
- Language
- German
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647 Keintiche Scheidung. Hauptaufgabe, die sich der Central-Verein bei seiner Gründung gestellt hatte, war cs, die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens aus einer gewissen Gleichgiltigkeit aufzurütteln. Die durch den Central-Verein bewirkte Kräftigung des Selbstbewußtseins und des Solidaritätsgefühls der deutschen Juden hat Ln erfreulich'r Weise jede Kruft der po itischen und religiösen MeinungSve'schiedenheiten überbrückt, so daß jetzt viele Tausende zusammenftehcn zur mannhaften Abwehr schnöder Angriffe und Verleumdungen. Diesem begeisterten und begeisternden Zusammenschluß, der immer größere Bedeutung gewinnt, steht aber eine beschämende, auffallende Zunahme der Fahnenflüchügen gegenüber, die gewissenlos unsere Reihen verlassen, um wider Ehre und Gewissen dem Kampfe um's Recht auszuweichen und durck die Taufe äußere Ehren, Standeeerhöhungen oder Pfründen zu erreichen. Daß ein Glaubenswechsel nur zum Zwecke der Erreichung äußerer Vorteile, also ohne Uedcrzeugung von der völligen Wahrheit des neuen Bekenntnisses, etwas Schimpfliches ist, wnd kein Ehrenmann in Abrede stellen. Ost genug bleibt der durch Preisgabe der relig-ösen Ueberzeugung erhoffte Erfotg aus: aber selbst wo ein äußerer Erfolg dabei erzielt wird, steht ihm der Verlust der Achtung ehrenhafter und anständiger Menschen gegenüber. Wie die meisten, die einen Schritt getan haben, d n sie innerlich vereuen, oder die etwas tun wollen, was sie selbst als nicht achtunggebietend betrachten müssen, gewöhnlich andere zu gleichem Fehltritt zu verleiten suchen, um ihr Tun in milderem Lichte erscheinen zu lassen, haben schreibfertige Konvertiten neuerdings wiederholt versucht, den Uebertntt zu der herrschenden Staate-Religion als etwas „Zeitgemäßes* den U berzeugungstreuen anzupreisen. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat sich bemüht, diesen beschämenden Bestrebungen entgegnzu wirken und davor zu warnen, die Gefahr solcher Verlockungen zu unterschätzen, weil bei den Wankelmütigen Scheingründe leicht verfangen, und weil trotz vieler Warnungen selbst von christlicher Seite die Taufe noch immer den Ueberläufern so leicht gemacht wird, daß die Tragweite eines solchen Schrittes kaum noch zum Bewußtsein der Täuflinge kommt. — Deshalb müssen die GesinnungStüchtiqen vor solcher Unterschätzung deSUcberläufertumernstlich gewarnt werden; fie dürfen nicht mit Gleichmut die Nachricht von der Tarne von Verwandten und Freunden aufnehmen, denen ste im jahrelangen Umgang Treue und Opferwillig-