Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Berlin
- Date
- 1904-11-01
- Page
- 612 (sequence 2)
- Language
- German
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612 3m deutschen Reich. ihr vorgehalten wurde, daß Rußland „ein ganz famoses Land" sei, weil es sein Kischinew habe. Was hatte der Protest von zwei od?r drei Leuten viel zu sagen, wenn Hunderte von deutschen Männem und Frauen sich nicht schämten, jene Zuchthäuslermoral gutzuheißen? Und die Polizei saß daneben und hörte geduldig an, wie in einer öffentlichen Versammlung nahezu 40 mal mit dürren, natfteu Worten zum Massenmord, zum Aufruhr aufgefordert wurde. Einmal machte der Polizeileutnant zwar Miene, cinzuschreiten, aber auch wenn die Absicht nicht durch einen Trick des Vor sitzenden vereitelt worden wäre, Pückler hatte schon genug gesagt; er hatte ungehindert eine Brandrede halten dürfen, die jede andere Versammlung der Auflösung, jeden andern Redner dem Staatsanwalt überantwortet hätte. Den Herrn Polizeipräsidenten möchten wir deshalb fragen, woher es kommt, daß hier eine so seltsame Langmut bewiesen wird, wo direkt zu Mord und Verbrechen aufgefordert wird. Die Gerechtigkeit verlangt, daß entweder gegen den Pückler-Aufruhr eingeschritten oder aber allen Rednern aller Parteien absoluteste Schimpffreiheit gewährt wird. Ein drittes kann und darf es in einem Rechtsstaat nicht geben!" — Das „Berliner Tageblatt" schildert den Vorfall im Hotel de Rome in folgender Weise: „Im Schreib- und Lefesaal des Hotels traf der „Bildergraf" mit dem gleichfalls in dem Etablissement logierenden Juwelier Levy aus Frankfurt a. M. zusammen, den er durch herausforderndes Fixieren, höhnisches Lächeln, Pfeifen und ähnliche unaristokratische Flegeleien brüskierte. Herr L. erkundigte sich bei dem Hotelpersonal, wer der angenehme Herr sei, und als er dann am Nachmittag auf dem Hotelkorridor dem Grafen begegnete und dieser ihn wieder anfeixte, stellte er ihn mit den Worten: „Dreschgraf, wollen Sie's mit einem Juden aufnehmen? Haben Sie Courage?" — Im selben Augenblick stürzte sich Graf. Pückler auch schon auf Herrn L., der erheblich kleiner als er ist, und verletzte ihn mit einem Totschläger, den er aus der Tasche zog, am Kopfe. Herrn L., der sich energisch zur Wehr setzte, gelang es. dem Grafen das Instrument zu entwinden und ihn nun seinerseits damit zu bearbeiten. Beide Kämpfer mußten sich in ärztliche Behandlung begeben, und der Gras wurde noch am selben Abend aufgefordert, das Hotel zu verlaffen. Herr L. hat übrigens gestern durch einen hiesigen Anwalt gegen den Grafen, der nach dem christlichen Hospiz in der Mohrenftraße ausgewandert ist, Klage erheben lassen." — Nach dem „Berliner Tageblatt" soll Graf Pückler selbst in einem Flugblatt über die Affäre Nachstehendes berichten: „Ich erlaube mir, Ihnen mitzuteilen, daß ich heute