Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-10-01
- Page
- 543 (sequence 14)
- Language
- German
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Umschau 543 die Machthaber sie beherzigen wollten. Auch viele russische Christen suchen sich dem mit unsagbaren Leiden verbundenen Kriegsdienst zu entziehen und nach Amerika zu entkommen. Diese massenhafte Einwanderung russischer Flüchtlinge wird die ins Stocken geratene Angelegenheit einer amerikanischen Intervention wieder erst recht in Fluß bringen. Auf die Vorstellung desKabinets von Washington, die Behandlung amerikanischer Staatsbürger jüdischen Glaubens in Rußland betreffend, ist noch keine endgiltige Antwort der russischen Regierung eingelaufen. Die Antwort wird zweifellos so aussallen, wie bei allen früheren Vorstellungen der Bundesregierung. Es sei eine rein interne russische Angelegenheit, wird von Petersburg erklärt werden, die außerhalb des Bereichs diplomatischer Verhandlungen liege. Haben in früherer Zeit die Amerikaner dann auf den Vertrag von 1882 hingewiesen, in welchem ausdrücklich bestimmt ist, daß die Angehörigen beider Staaten bei Reisen in Amerika oder Rußland mit den Einheimischen gleichberechtigt sein sollen, so ist stets von Rußland erklärt worden, daß ausländische Juden sich keiner größeren Freibeiten erfreuen könnten, als ihre in Rußland ansässigen Glaubensgenoffen. Da aber zum ersten Male der Kongreß sich mit dieser Angelegenheit befaßt hat, läßt sich annehmen, daß bei einem ablehnenden Bescheid der russischen Regierung die amerikanische Volksvertretung sich aufs neue mit der Sache beschäftigen wird. Die Frage wird nicht zur Ruhe kommen, bis sie erledigt ist. Beide großen Parteien haben ihr in den diesjährigen Partei-Programmen einen Abschnitt gewidmet. Die Tatsache, daß die Juden in einigen der ausschlaggebenden Staaterr über ein starkes Votum verfügen — in der Stadt Rew-Uork wird es auf 70 000 Stimmen geschätzt —, trägt dazu bei, der Bewegung Nachdruck zu verleihen. Die antisemitische „Nowoja Wremja" verweist darauf, daß zahlreiche russische Juden nach Amerika auswanderten, dort die Naturalisation erwarben und dann nach Rußland zurückkehrten, um in der neuen Maske der ganzen russischen Judengesetzgebung Trotz zu bieten. Die russische Regierung, so sagt das genannte Blatt, vermöge dieser Maskerade keine rechtliche Geltung zuzuerkennen. Je straffer aber Rußland den Bogen spannt, desto eher wird er zerbrechen, und da gerade die amerikanische Zähigkeit es sein wird, durch welche in die das Zarenreich umgebende antisemitische Mauer eine Bresche kommt, wird die deutsche Reichsregierung nicht umhin können, in diese Bresche einzudringen.' Ohne die mattherzige Rücksicht auf die antisemitischen „Imponderabilien" brauchten die Amerikaner nicht erst „Germans to the front!" zu rufen, sondern Deutschland wäre in einer großen Kulturfrage Allen voran! A. L.