Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-10-01
- Page
- 537 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 537 langen Artikel-Serie „Zur Polen-Politik" gibt die „Nationalliberale Korrespondenz" ihrer Besorgnis über den Rückgang der Zahl der jüdischen Bevölkerung in den Ostmarken Ausdruck, nicht etwa, weil sie die Anfeindung der Juden von beiden Fronten aus mißbilligt, sondern weil sie mit der Tatsache rechnen muß, daß an Stelle der abwandernden Juden fast niemals Deutsche, sondern zunächst Polen nachrücken. 1885 wurden in der Provinz Posen gezählt: 532 000 Protestanten, 1 111000 Katholiken und 56 000 Juden. 1895 wurden dagegen gezählt: 55)9 000 Protestanten, 1 227 000 Katholiken und 40 000 Juden. Also binnen zehn Jahren nahmen die Protestanten um 27 000 Köpfe, die Katholiken um 116 000 zu, — während die Juden um 16 000 abnahmen! Speziell in der maßgebendsten Stadt der Provinz, in der Stadt Posen, hat von 187! bis 1895, also binnen einem Vierteljahrhundert, die Gesamtbevölkerung um rund 30 0/0 zugenommen, — die jüdische Bevölkerung aber um rund 20 % abgenommen! 1871 gab es nämlich in der Stadt Posen 7255 Juden. 1895 aber nur 5810! Die „Nationalliberale Korrespondenz^ knüpft daran folgende Betrachtung: „Zunächst hörte mit der antisemitischen Bewegung eine Anzahl von Deutschen auf, beim jüdischen Kaufmann ihren Bedarf zu decken. Dann, als gegen die staatliche Germanisierungspolitik eine nationalpolnische Reaktion stattfand, begann der polnische Boykott gegen die jüdischen Händler als Repräsentanten des deutschen Bürgertums. In der weitaus überwiegenden Mehrheit der Fälle wird der Raum, den der jüdische Händler bisher inne hatte, nunmehr von einem Polen eingenommen, — denn das Einkommen, das zur gewohnten Lebenshaltung des jüdischen Kaufmannes nicht ausreicht, genügt eben dem bedürfnislosen Polen, der aus der untersten Volksschicht stammt und der sicher ist, bei Kauf und Verkauf von seinen Landsleuten energisch unterstützt zu werden. Ein christlicher deutscher Kaufmann würde auch keinen geeigneten Boden zur Niederlassung finden, denn er hat ebenfalls mehr Ansprüche als der Pole und wird leider von seinen deutschen Lands Icuten nicht entfernt so unterstützt wie der Pole von den semigen." Selbst in den jetzigen Bußartikeln der „Nationalliberalen Korrespondenz" zeigt fich aber noch der antisemitische Anflug, der mit der Anmerkung des „jüdischen Händlers als des Repräsentanten des deutschen Bürgertums" seltsam kontrastiert. Es wird an einer Stelle des Artikels wörtlich gesagt: „Rein volkswirtschaftlich kann man diesen Rückgang der jüdischen Händler nicht bedauern, denn das Geschäftsgebahren eines großen Teils war nichts weniger als reell. Auch vom nationalen Standpunkt aus wäre das Verschwinden