Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Elias Jakob, Walter Seligmann und der Glaubenswechsel
- Date
- 1904-10-01
- Page
- 517 (sequence 1)
- Language
- German
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517 Alias JaKoö, Walter Seligmann und der Klauöensrvechsel. einst Graf Friedrich Stolberg seinen Glauben wechselte, ver» öffentlichte der bis dahin mit ihm innig befreundet gewesene Dichter Voß die heftige Streitschrift Mie Fritz Stolberg ein Unfreier ward". Als „Unfreie" können wir Juden vielleicht mit noch größerem Rechte jene unserer Glaubensgenossen betrachten, die ohne von dem höheren Werte einer andern Religion fest überzeugt zu sein, aus Strebertum oder aus feiger Angst vor Zurücksetzung oder aus sonstigen, lediglich äußeren Gründen den Glauben ihrer Väter abschwören. Sie verlassen damit die in einer Zeit der Not fester als je geschloffenen Reihen des Judentums als Fahnenflüchtige und erscheinen vor denen, bei welchen sie unter oer unwahren Versicherung der Gesinnungsübereinstimmung Aufnahme suchen, als Fälscher. Mehr oder minder erinnern sie dann an jenen kurz vor der Taufe stehenden Schnorrer, der dem christlichen Geistlichen, welcher ihn .fragte, ob er auch das glaube, was er zu bekennen bereit sei, zur Antwort gab: „Glauben soll ich's auch noch?" Daß eine solche Frage in solcher Stunde von manchem nur mühsam unterdrückt wird, ist umsomehr anzunehmen, als die großen Lehrer des Judentums nie den Standpunkt vertraten, daß der Glaube allein selig macht, sondern das Hauptgewicht auf die guten Werke legten. In ihre Fußtapfen trat Goethe, als er den Satz „Im Anfang war das Wort" nicht gelten ließ, sondern die Uebersetzung vorzog: „Im Anfang war die Tat". Genau so dachte Moses Mendelsohn, als er darauf hin wies, daß es im Alten Testament bei den 613 Geboten und Verboten immer heißt „Du sollst tun" oder „Du sollst nicht tun", nirgends aber „Du mußt glauben". Die Freiheit der Ueberzeugung, die sich darauf gründet, daß das Bekenntnis zu dem eimg-einzigen Gott das einzige Dogma des Judentums darstellt, muß in unfern Augen jeden als ,,Unfreien" erscheinen lasten, der sich von uns trennt, um sich zu einer ganzen Reihe von Dogmen zu bekennen, von denen doch nur diejenigen ganz und voll überzeugt sein können, die von christlichen Eltern abstammen und von Kindheit aus im christlichen