Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 9 (September 1904)
- Article
- Dresden
- Date
- 1904-09-01
- Page
- 493 (sequence 4)
- Language
- German
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ttvrrejvonvenzeii. m haben muß, bevor er zum Ziele, zum Geschäfte kommt, der erwägt, daß wir ein Bindeglied, dessen wir nicht entraten können, stützen müssen. Unser Auslandsgeschäft muh zu den sonstigen Sorgen des Konkurrenzkampfes auch noch den Ballast der Chikanen tragen, mit denen gewisse Staaten im Angesichte der Kratzfuhpolrtik des mächtigen Deutschen Reiches die jüdischen Angehörigen des letzteren aus angeblichen nationalen und religiösen Rücksichten zu belasten wagen. Gegen solchen Schimpf, den Nationen uns antun, die hinter uns zurückstehen. die unseres Wirtschaftslebens, unserer Geld- und sonstigen Hilfe dringlich benötigen, müssen wir Front machen!" £ Leipzig, 2. September. Das „Leipziger Tageblatt" veröffentlicht eine Zuschrift über den sogenannten „Zellen-Antisemitismus", in der u. a. gesagt wird: „Als ich vor Jahren zum ersten Male mich in der Zelle eines Rügenschen Bades auskleidete, gewahrte ich an den Wänden des kleinen, sauber gehaltenen Raumes einige Bleistiftinschriften, die ich neugierig entzifferte. Im Laufe der Wochen bedeckten sich die Wände immer mehr und mehr. Sie wurden leider in jedem Sinne unsauberer. Seitdem betrete ich in jedem Jahre die Zellen mit einer fast nervösen Erwartung. Immer hoffe ich, daß sie rein sein werden; immer denke ich wieder aufs neue, meine Volksgenossen müßten inzwischen in dieser Zeitspanne reifer und reiner geworden sein, und immer wieder schaudere ich angeekelt vor demselben Anblick zurück. Die meisten Leser werden wissen, was ich meine. Es handelt sich um die abscheuliche Abart von Antisemitismus, die an dieser Stätte der Erholung ihr Wesen treibt. Was da an Roheit und Unsauberkeit geleistet ist, läßt den, der unter dem Eindruck dieser beirrenden Lektüre steht, an der Möglichkeit, die Menschen zu veredeln, geradezu verzweifeln. Ich hätte nichts dagegen, wenn ein gewaltiger tiefwurzelnder Hah sich hier in elementarer Leidenschaft austobte, aber davon kann gar nicht die Rode sein. Fast immer siud es schmutzige sexuelle Anspielungen; im äußersten Falle ist es eine Aufforderung, die Juden hier oder dort zu boykottieren. Der Zellen - Antisemitismus ist von so niedrigen Trieben eingegeben, entbehrt so jeder Größe des Empfindens und wirkt in seiner kleinbürgerlichen, engen Anschauungsweise so widerlich, daß alle Deutschen ihm mit Ernst entgegentreten sollten. Ich habe mich danach erkundigt, ob in den Zellen des Damenbades die gleichen wüsten Ausschreitungen stattfinden, und eine angesehene Dame hat mir mitgeteilt, daß sie sich nicht traue, die Aufzeichnungen ihrer Gcschlechtsgenofsinnen zu lesen. Der Gegenstand ist peinlich, aber ick halte es doch für notwendig, daß dieses Gebahren einmal öffentlich