Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 399 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316714-2316722-2333519--12636-2333623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Jude im deutschen Drama. 399 an die vorurteilsvolle und haßerfüllte Welt seinen Lebenslauf be, schlossen, meinte schon Moses Mendelssohn, er sei gerade zur rechten Zeit abgegangen. Denn, fo schrieb er an Carl Gotthilf Lessing, den Bruder des Dichters: „Von einem Werke des Geistes, das ebenso sehr über Nathan hervorragte, als dieses Stück in meinen Augen über alles, was er bis dahin geschrieben, kann ich mir keinen Begriff machen. Er konnte nicht höher steigen, ohne in eine Regien zu kommen, die sich unfern sinnlichen Augen völlig entzieht." Aber der weise Philosoph ahnte in demselben Briefe mit Recht, „daß der große Haufe feiner Zeitgenossen das Verdienst dieses Werkes verkenne"; leider verrechnete er sich, wenn er von dem Dichter des „Nathan" urteilte, „er ist in der Tat mehr als ein Men^chenalter seinem Jahrhunderte zuvorgeeilt." Denn auch der Gegenwart sind Humanität und Menschenliebe fremd geblieben. Sie betont noch immer das Glaubensbekenntnis in allen Fragen des öffentlichen und privaten Lebens und wertet es höher, als das Menschentum. Die Majorität wähnt den rechten Ring zu besitzen, und es will der Knorr den Knubben nicht vertragen. Aber wir, die Minorität, dürfen darum nicht verzagen. Im deutschen Drama verherrlicht lebt unsere Geschichte! Im deutschen Drama ist pietätvoll Leid und Freude unserer Väter und ihre Eigenart gezeichnet! Und im deutschen Drama spiegelt sich unser Ringen nach sittlicher und gesellschaftlicher Gleichstellung mit den Daterlandsgenoffen wieder! Dem Drama der Zukunft bleibt es Vorbehalten, den einzigen Tag vor Augen und zu Herzen zu führen, von dem der Psalm st gesprochen, den Tag, wo die ganze Welt den Namen eines einzigen Gottes preist, wo die Menschen alle Brüder heißen und brüderlich einander behandeln, — den Tag, wo Lsssings Nathan nur noch historischen Wert hat. Heil dem Geschlechte, das diesen Tag erschaut!