Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Das Wesen des Judentums
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 378 (sequence 2)
- Language
- German
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3?8 Fm deutschen Reich. damiär3.86li gewonnenen Bibel- und Talmudkenntnisje, sowie das Studium der Philosophie „nach einiger Vorbildung" hinreicht-n, um in jüdischen Fragen das große Wort zu führen. Das moderne Judentum hat sich so mächtig entwickelt, hat eine so völlige Umwandlung erfahren, daß nur ein ganzer Mann mit gründlicher wissenschaftlicher Bildung und strenger Selbstzucht des Denkens Gehör findet; für unmethodische Halbbildung, für oberflächliche Dielwisserei ist kein Raum mehr in unserer Mitte. Don all den Ergebnissen der modernen Religionswissenschaft und ihrer Anwendung auf das Judentum suchen wir in dem Aufiahe vergebens eine Spur — bis auf das Tagesgespräch über Bibel und Babe! ist nichts hiervon an das Ohr des Verfassers gedrungen. Wissenschaftliche Auffassung der Bibel und der rabbinischen Litteratur, geschichtliche Durchdringung des Judentums find ihm ganz unbekannte Dinge. Was er als Resultat eines jahrzehntelangen Studiums, Ringens und Prüfens vorlegt, ist eine Häufung von irrigen Voraussetzungen und falschen Folgerungen. Sie im einzelnen zu widerlegen^ kann nicht unsere Aufgabe sein, selbst die sehr angreifbaren philosophischen Voraussetzungen seiner Weltbetrachtung sollen hier nicht näher erörtert werden. Uns interessiert nur, was über das moderne Judentum und seine Stellung zur Grundidee des Judentums vorgebracht wird/ Gegen diese Ausführungen muß entschieden Stellung genommen werden. Daß wir dafür schon im voraus mit dem Namen „Eiferer" belegt werden, kann uns nicht hindern, unsere Einwendungen vorzubringen. Die gute Sache und die Wahrheit sind des Eiferns wert. Zwei Fragen werden vorgelegt: „Wie konnten die Juden sich so lange erhalten?" und „Woher stammt der Haß, mit dem fast alle Nationen dieses Volk verfolgen?" Zwei Antworten sind dem Verfasser bekannt, diejenige der Ghettojuden und eine zweite des modernen Judentums. Er verwirft sie beide. So wäre es denn an ihm, eine neue Auskunft zu geben; doch das vermag er nicht. Die Tatsache,' daß das Judentum sich bisher erhalten hat, daß es „den Juden allein Vorbehalten war, sich gegen das Gesetz des Werdens und Vergehens auszulehnen," kann füglich nicht bestritten werden. Und diese Cr- Haltung soll nur das „Aushalten eines Auflösungsprozesses" bilden? Was in aller Welt hat sich denn ereignet, welche neuen Tatsachen liegen, vor, daß wir hinfort an der Möglichkeit des Fortbestandes de- Judentums verzweifeln und ihm ein wenig ehre »volles Begräbnis bereiten sollen? Kann der Alte, der den rauhen Sturmen durch Zabn tausende getrotzt, die milden Lüfte des Frühlings nicht ertragen?