Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-06-01
- Page
- 335 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 335 auch in andern Ländern Politiker beschäftigt, denen keine Voreingenommenheit für die Juden zuzutrauen ist, so z. B. den britischen Premicrminister Arthur James Balfour, der die englische „Einwanderungs-Bill" durchsetzte, von welcher die „Manchester Jewish Registration Association" erklärte: „Tie Bestimmungen der Bill gegen die Zulassung von Fremden, bloß weil sie arm sind, feien typisch für die schlimmste Art der Unterdrückung, wie sie in Rußland gehandhabt werde*. Aber selbst dieser auch den „Schnorrern^ abholde Staatsmann Balfour verwahrt sich öffentlich dagegen, nur die „Mandelstamms" und ^Silberfarbs" fernhalten zu wollen; er sagt in einem vom 9. Mai datierten Schreiben: „Ich glaube die Behauptung, England wird von der überall wütenden antisemitischen Epidemie ergriffen, als absolut unwahr hinstellen zu müssen. Die Fremdenbill ist dazu bestimmt, das Land nicht vor der Invasion der Juden, sondern der unerwünschten Einwanderer überhaupt, gleichviel welcher Konfession und Abstammang sie sind, zu schützen. Ich würde das Auftauchen des Antisemitismus in England als ein sehr ernstes nationales Unglück ansehen." Wo auch sonst der Antisemitismus auftaucht, hat er sich als ein solches „nationales Unglück" erwiesen; er war es für Frankreich, bis sich Ehrenmänner fanden, die der schmachvollen Dreyfus-Affäre ein Ende machten; er ist es noch für Rumänien und Rußland, jene osteuropäischen Staaten, die durch ihre barbarischen Judenhetzen bei allen Kulturfreunden in Mißkredit geraten sind. Für das deutsche Reich ist er seit mehreren Jahrzehnten der Zankapfel, der tie friedliche Entwickelung unmöglich macht, die wirtschaftliche Gesundung hemmt, das Parteileben vergiftet und auf weite Kreise verrohend einwirkt. Wohl bekennen selbst die judenfeindlichsten deutschen Konservativen in ihrem offiziellen Partei-Ratgeber, daß die antisemitische Partei „zersplitternd" und „zerspaltend" wirkt, aber sie verkennen dabei noch, daß diese „ein nationales Unglück für Deutschland" darstellende Wirkung nicht nur von den einzelnen antijemmfchen Fraktionen, sondern von dem Antisemitismus im großen und ganzen berrührt, der für jene F'aktionen eine Existenzfrage, für viele andere Politiker aber teils zum Werkzeug, teils zum Sport geworden ist und sie zu Mitschuldigen an einer empfindlichen Schädigung der großen nationalen deutschen Sache macht. Wie sehr durch den AnMemitismuS bereits das sittliche Niveau des deutschen Parlamentarismus herabgedrückt worden ist, hat sich wiederholt gezeigt, nicht nur' durch da- Ergötzen, welches Volksvertreter, die keiner eigentlich antisemitischen Fraktion angehören, bei dem Anhören Liebermannscher Fansarenredm